Piper 2016
Piper 2016

Joel Dicker – Die Geschichte der Baltimores

 

Stimmig in Erzählung und Atmosphäre

 

„Hör auf, von der Katastrophe zu sprechen, Marcus. Eine Katastrophe gibt es nicht, nur Katastrophen“.

 

Und das stimmt und stimmt auch nicht.

 

Denn für Marcus, den Ich-Erzähler dieses neuen Romans von Dicker, ist es schon ein ganz konkretes Ereignis an einem ganz konkreten Zeitpunkt, dass seine Lebenswelt in ein „vorher“ und eine „nachher“ mit scharfem Schnitt unterteilt.

 

Und dennoch, die Worte seines Onkels Sauls, ehedem leuchtender Anwalt von Baltimore, Stützte der Gesellschaft, Vater von Marcus Cousin Hillel, Ziehvater seines zweiten „Wahl-Cousins“ Woody, Ehemann von Anita und noch vieles andere mehr, füllen sich ebenfalls mit tiefem Sinn im Lauf der Geschichte, die Dicker bravourös in klarer Form und bildkräftigen Worten erzählt.

 

Denn so manches passiert, was man als „Etappen“ hin zu jener Katastrophe bezeichnen könnte, was im Nachgang und Rückblick eine rote Linie hin zu jenem furchtbaren Geschehen innerhalb der Familie ergibt.

 

Auf verschiedenen Zeitebenen erzählt nun jener Marcus, geachteter Nachwuchs-Schriftsteller, seine Familiengeschichte. Wobei, in seinem Inneren, seine Familie eher die des Onkels in Baltimore ist, zu sehr leuchtet die Kraft dieses Lebens und die Verbundenheit zu seinen Cousins über die eigene Welt seines Zweiges der Familie hinaus. Was Marcus bereut, im Nachgang.

 

Es sind nur ein paar Sätze zu seiner Mutter in stiller Zwiesprache, die aber gerade wegen ihrer Knappheit und Klarheit den Leser ebenso innerlich treffen, wie es die Gesamtgeschichte dieser Freundschaft der „drei Cousins“ vermag. Mit eingebunden in eine Liebesgeschichte, die ebenfalls eigentlich alle drei Heranwachsenden betreffen wird. IN der ein oder anderen Form.

 

Familienroman. Entwicklungsroman junger Menschen im ganz normalen Aufwachsen in Amerika mit der Fokussierung auf Sport, Erfolg, sich ausstechen. Mit einem Blick auf den langsamen Niedergang auch der oberen Mittelschicht und den Härten des Lebens in der Unterschicht. Milieus, die Dicker ruhig und kraftvoll erzählt in einer Geschichte, in der es Tote geben wird, die Versuche, ein Beschützer zu sein, in der Freundschaft ein tragendes Element ist, aber auch Neid und Missgunst.

 

Einen tiefen Blick in die Herzen seiner Charaktere eröffnet Dicker dem Leser in einer lebendigen Form, die „bei der Stange hält“.

 

Selbst als dann irgendwann die Spannung gelöst wird, die „Katastrophe“ sich ereignet (zum letzten Drittel des Buches hin), verbleibt der Leser emotional nahe und liest begierig weiter, was denn aus den „Überlebenden“ werden wird und, vor allem, wie das alles wirklich innerlich verbunden und vernetzt war.

 

Denn auch Missverständnisse säumen den Weg, die nicht zuletzt mit dazu führen, dass aus einer je „Strahlend wirkenden“ Zukunft nicht bei allen Beteiligten die Lebensträume in Erfüllung gehen.

 

Ein starker Roman, eine klare und temporeiche Sprache und eine Reflexion dessen, was wirklich bedeutsam im Leben ist. Nur irgendwie ganz gut versorgt ankommen ist es nicht, denn irgendwas treibt wichtige Beteiligte über ihre Grenzen hinaus. Weiter, als es ihnen guttun würde.

 

Eine sehr empfehlenswerte Lektüre, gerade weil die starken menschlichen Antriebskräfte Freundschaft, Liebe, Neid, Geltungssucht, Bewunderung, so intensiv von Dicker in die Geschichte eingearbeitet sind und weil ebenso Hilflosigkeit, Ohnmacht, Schicksal ihre Rolle spielen, bei der man als Leser fast selbst den Figuren den Weg führen möchte, bestimmte Dinge nicht zu tun. Bestimmte negative Gefühle nicht in den Vordergrund zu stellen, weil das gar nicht nötig wäre.

 

 

Und doch kommt alles anders und alles zusammen. Dafür wird Marcus sorgen. Auf seine Weise

 

M.Lehmann-Pape 2016