Ullstein 2015
Ullstein 2015

Johanna Holmström – Asphalt Engel

 

Sich durchkämpfen

 

Es ist an sich schon nicht die beste Gegend, in der Leila in der finnischen Stadt sich durchkämpfen muss. Und es hat schon seinen Grund, dass sie aktuell versucht, immer zu sehen, wer da als Busfahrer eingesetzt ist, wenn sie sich auf den Weg zur Schule macht.

 

Denn ihr Vater, schwarz, Maghrebiner, ist Busfahrer. Dem Leila nicht unbedingt begegnen möchte.

 

„Pape ist fast genauso oft bei uns eingezogen, wie er ausgezogen ist…diesmal ist er länger weg als sonst“.

 

Weg von dem häufigen Streit mit seiner Frau, Leilas Mutter. Die eines Tages eine intensive religiöse Bekehrung erlebt hat und den Islam nun wörtlich und ernst nimmt. Bis dahin, dass alle Bilder (samt Fernseher) aus den Zimmern verschwunden sind, „weil Mohammed es so will“. Der Ehemann und Vater möchte das nun nicht so, steht relativ hilflos vor seiner Frau und findet keinen rechten Weg, dagegen anzukommen.

 

So bleiben die verstohlenen, kurzen Blick mit seiner Tochter im Bus.

 

Wobei Leila ganz eigene Sorgen hat. In diesem Haus mit vielfachen Nationalitäten, gegenüber der Reihenhaussiedlung mit den „ordentlichen“ Finnen. Mit der falschen Hautfarbe versehen und täglich im Viertel und an der Schule sich behaupten müssen.

 

Ihre verehrte Schwester, Samira, hat all dieses bereits verlassen, diese Enge. Hat in einem Club gearbeitet, versucht, sich dem „freien Leben“ hinzugeben und doch ihre islamischen Wurzeln als stark verankert feststellen müssen. Bis etwas passiert ist. Eine Art Unfall, der lange Zeit nur ominös im Buch mitschwingt.

 

Und doch wird diese „stille“ Samira jene Peron sein, an der sich und durch die sich vieles auch an familiärem Leben entscheiden wird. Nicht nur in der engeren Familie, auch was ihren Freund angeht, der eine plötzliche Wandlung durchlebt, um Samira wirklich nahe sein zu können.


„Samira drehte sich wieder zur Bar. Es war das erste Mal, dass ein Mann sie begrabscht hatte. Es war das erste Mal, dass sie gegen ihren Willen angefasst wurde, aber es blieb nicht das letzte“.

 

Rohe Sexualität, gierige Blicke, abfällige Bemerkungen zu Hautfarbe und Religion, die Reibung des frommen Islam mit der finnischen Alltagswelt, die Tradition, für die Tochter und Töchter als Eltern einen Mann zu suchen, die Kontrolle, die hier von allen Seiten versucht wird, Johann Holmström geht dieser Gemengelage intensiv nach und schafft so ein „inneres Portrait“ nicht nur eines Leben als Migranten, sondern einer ganzen „Randgesellschaft“ mit all ihren Reibungen und ihrer Rohheit, die den Alltag zu einem ab und an gar gefährlichen Spießrutenlaufen gestaltet.

 

Was fast ein wenig gar zu kurz kommt in diesem Buch neben der eigentlichen Geschichte um das Ergehen von Samira und ihrem Unfall. Eine Geschichte, die holmström auf zwei Zeitebenen erzählt, bei denen der Leser ab und an in Gefahr steht, den roten Faden aus den Augen zu verlieren und sich in so manchen Nebenpersonen und Nebenhandlungen verlieren könnte.

 

Dennoch, in klarer Sprache legt Holmström das Leben als junge Muslimin zwischen vielen Fronten offen und bietet einen ebenso klaren Blick auf die Zerrissenheit der Gesellschaft. Nicht nur am Sozialen Rand, sondern auch „mittendrin“.

 

Die Starken gegen die Schwachen, allein schon die Szene, als Leilas Vater in einem Stau nur verzögert den Bus anfahren kann, die verklemmte Tür und die harten Beschimpfungen der (finnischen) Fahrgäste, dieses vielfache stille „Schlucken müssen“, das den Alltag viel mehr ausmacht aus bunte, folkloristische „Verbrüderung“, es ist eine harte Welt, die Holmström klar und ungeschminkt dem Leser vor Augen führt.

 

„Soll das ein Witz sein? Ich muss an Samira und dich und Mama und Papa und Linda und Anna und Piter und Rassisten und die Zukunft von ganz Finnland denken. Glaubst du wirklich, ich hätte Zeit für Jungs“?

 

Eine empfehlenswerte Lektüre trotz mancher Verwirrungen im Ablauf.


M.Lehmann-Pape 2015