Kiepenheuer und Witsch 2014
Kiepenheuer und Witsch 2014

John Banville – Im Lichte der Vergangenheit

 

Sprachlich überzeugend

 

„Was mich an dieser Bewegung auf dem Kirchhof so sehr berührt hat war – neben der primitiven Erregung – das Gefühl, dass mir ein kurzer Blick in die Welt des Weiblichen schlechthin gewährt worden war, dass ich, und sei´s auch nur ein paar Sekunden lang, Zutritt hatte zu dem großen Geheimnis“.

 

Eine Sprache, die umgehend Emotionen mitschwingen lässt, die im Leser (nicht nur im männlichen) eigene Erfahrungen, alte Gefühle, erotische „Geheimnisse“ erinnert.

 

Wobei es damals für Alex, den Protagonisten des Buches, bei den paar Sekunden nicht geblieben ist. Dieses kurze Aufwehen des Rockes der Fahrradfahrenden Frau, die dem heranwachsenden Alex einen Blick auf die seidene Unterwäsche ermöglicht hat.

 

Ein wenig verschwimmen die Erinnerungen schon hier, zu Beginn, beim nun dem Alter entgegen gehenden Mann. War das wirklich die Mutter seines Freunde, die er dort das erste Mal als begehrenswertes Weib gesehen hatte? Oder irgendeine andere Frau?

 

Ein Verschwimmen, das im Übrigen auch andere Teile seiner Erinnerung und Geschichte  begleiten wird. Aber, soviel steht fest, als damals 15jähriger hatte er eine direkte und klare Affäre mit der Mutter seines besten Freunde (oder?).

Was ihn seinen Freund kostete und einen breiten Skandal hervorrief.

Und ihn doch bis heute nicht loslässt als süße, schmerzliche Erinnerung.

 

Wobei er ja aktuell weit entfernt von der damaligen Erlebniskette ist. Verheiratet. Beruflich im „ausklingenden Modus“, den Tod der Tochter hat er verkraften müssen im Leben, irgendwie ist das alles nicht sonderlich beglückend und befriedigend. Eher schleppt er sich durch und erträgt seine Frau Lydia, denn dass er zufrieden auf die Welt schaut.

 

In der Gegenwart ruft ein (vielleicht letztes) Rollenangebot ihn noch einmal wach. Eine Rolle, die ihn mehr und weiter in den Taumel der Erinnerungen bringt, vieles wieder wachruft.

 

Prägende Jahre oder späte Verklärung? Reale Erlebnisse oder damaliges Wunschdenken, welches nun als reales Geschehen interpretiert wird?

 

Im Sog der Sprache Banvilles, der bildreich, poetisch, zynisch, verklärend, romantisch, ernüchternd, erotisch, plakativ und umschreibend zugleich seine Figuren in der Tiefe ihrer Persönlichkeit umkreist, ist es auch dem Leser lange Zeit kaum möglich, die Realität, die echten Fakten hinter den vielen Gedanken und Assoziationen dieses Alex festzumachen.

 

Was im Übrigen nicht nur die Erinnerungen an die erotische Leidenschaft der Pubertät betrifft, sondern auch die Gegenwart der Rolle beeinflusst.

 

Hat das Leben, der Tod des Mannes, den er zu spielen hat, Parallelen zu seinem Leben? Zum Selbstmord seiner Tochter? Zu dem, was noch früher geschah? Oder verfällt Alex einem Wahn an nur vermeintlichen Erinnerungen, die sich seitenweise durch das Buch ziehen und wie frei assoziierend wenig feste Punkte in den Raum setzen?

 

„Das habe ich doch sicher wieder frei erfunden, wie so vieles“.

 

„In den lange, unruhigen Jahren von Cass´ Kindheit gab es gewisse Momente …… wo eine Ruhe sich herniedersenkte“.

 

Aber eben nur gewisse Momente, Ausnahmen in der Unruhe, die sich auch im Buch selbst wiederspiegeln und niederschlagen. Wenig Inseln des Faktischen findet der Leser lange Zeit.

 

So verbleibt ein intensives, literarisches Leseerleben in der ausufernden und farbiges Sprache Banvilles und ein Staunen über eine Sicht der Welt der Hauptfigur zwischen Fantasie und Wirklichkeit, in der es nicht immer einfach ist, den roten Faden auszumachen. In einer melancholischen Atmosphäre der Rückschau, deren Trug immer wieder am Rande spürbar wird und die Frage nach der eigenen Identität für Alex mehr und mehr im Roman aufwirft.

 

 

Eine interessante, sprachlich wunderbare, bei Weitem aber nicht einfache Lektüre im Blick auf das Verständnis dessen, was wirklich geschehen ist (und geschieht).

 

M.Lehmann-Pape 2014