Arche 2010
Arche 2010

 

John Boyne – Das Haus zur besonderen Verwendung

 

Revolution, Tod und Liebe

 

Natürlich ist es klar und historisch erwiesen, dass 1918 die Familie Nikolaus II., des letzten Zaren Russlands , samt und sonders getötet. Das betrifft auch die damals 17jährige jüngste Tochter des Zaren, Anastasia. Nach monatelanger Gefangenschaft im Ipatjew-Haus (das Haus zur „besonderen Verwendung“) endete dort die Monarchie Russlands nach Jahrhunderten der Höhen und Tiefen.

 

Jene Amerikanerin, die bis zu ihrem Tod steif und fest behauptete, ebenjene Anastasia zu sein ist somit historisch widerlegt. Was aber wäre, wenn?

 

John Boyne hat ein wortgewaltiges, wunderbar erzähltes und (fast) absolut historisch genaues Epos über all diese Ereignisse verfasst. Fast genau, denn er lässt Anastasia ebenfalls überlegen und erst 1981 sterben. An ihrem Totenbett sitzt Georgi, Mann, Lebensgefährte, Geliebter der jüngsten Zarentochter und lässt die Welt verändernden Ereignisse jener Jahre ebenso vor seinem inneren Auge Revue passieren wie die langen Jahre danach der Flucht, des Versteckens, des sich neu Findens in dieser Welt an der Seite Anastasias, die sich seit jener Todesnacht Soja nennt.

 

Georgi, der 1915 als gerade 16jähriger Junge ein Attentat auf den Zaren verhindert und fortan in St. Petersburg als Leibwächter des einzigen Sohnes fungiert und somit hautnah in der Nähe der Zarenfamilie sich aufhält. Dort reift seine Liebe zur jüngsten Tochter des Zaren und findet Erwiderung,

 

Dies ist der Beginn der Geschichte, die John Boyne auf knapp 560 Seiten in der Ich-Form aus Sicht Georgis erzählt. Eine Geschichte vom Drama, von einem Leben auf der Flucht, von tiefer Melancholie und, in all dem, von der Kraft der Liebe, die bis zum letzten Atemzug anhält und alle Klassenschranken überwindet. Klassenschranken gerade im massiv hierarchisch organisierten Russland der Zarenzeit, die eine tiefe Heimlichkeit nötig machen. Eine Heimlichkeit, die wiederum lebensrettend ist, denn niemand vermutet einen gewitzten und mutigen Helfer von Außen in Bezug auf Anastasia. Eine Beziehung, die unter besonderen Belastungen steht, zum einen durch die Prägungen der beteiligten Personen, zum anderen durch die Vergangenheit, die immer wieder das Paar einholt und eine neue Wendung in den Raum setzt.

 

In parallelen Strängen erzählt John Boyne in wunderbar fließender Sprache und sensibler Eindrücklichkeit diese (fiktive) bewegende Liebesgeschichte. Sie bildet den Kern des Buches und wird einerseits vom Jahr 1981 her zurück erzählt und andererseits vom Jahr 1915 her nach vorne erzählt, bis zum Ende des Buches hin alle Erzählstränge zusammenfallen.

 

Den Fikus seiner Aufmerksamkeit richtet Boyne, etwas anders, als es der Klappentext vermuten lässt, weniger auf die historischen Ereignisse der Revolution. Aber auch andere geschichtliche Momente der Jahre 1918-1981 treten in den Hintergrund, auch wenn sie Erwähnung finden. Im eigentlichen ist das Buch ein wunderbares Dokument über die Höhen und Tiefen, die Nähen und Distanzen, das zueinander finden und voneinander abgestoßen werden in einer intensiv gelebten Beziehung. Der Begriff Liebesroman trifft es dabei aber auch nicht in Gänze, denn jede Form von Kitsch oder Herz-Schmerz wird tunlichst vermieden. So verbleibt ein auf höchstem Niveau geschriebenes Buch über die Kraft menschlicher Beziehungen und die Bewährungen in vielfachen und besonderen Höhen und Tiefen dieses konkreten Paares. Das lässt eine Reihe von eher unwichtigen Einfügungen und die ein oder andere Länge durchaus verschmerzen. Empfehlenswert.

 

M.Lehmann-Pape 2010