Arche 2012
Arche 2012

John Boyne – Das späte Geständnis des Tristan Sandler

 

Krieg, Liebe und innere Zerstörung

 

Tristan Sandler trägt ein Geheimnis in sich, zumindest für die gesellschaftlichen Normen und Vorstellungen seiner Zeit. Eine Disposition, die ihn bereits, sozusagen, das Elternhaus gekostet hat. Seine Vater hat ihn bereits mit 16 Jahren vor die Tür gesetzt und, beim einzig darauffolgenden und letzten Treffen, kurz bevor Tristan nach Frankreich in den ersten Weltkrieg als Soldat zog, deutliche Worte für Tristan gefunden:

 

„Die Wahrheit ist, Tristan, dass es das Beste für uns alle wäre, wenn dich die Deutschen gleich erwischten“.

 

Was diese „Besonderheit“ aber sein mag, die einen Vater zu solchen Sätzen verleiten, wird im Buch in aller Offenheit erst später deutlich werden. Andeutungsweise allerdings schwingt die besondere Disposition des Protagonisten durchaus schon früh in der Geschichte mit.

 

1919. England arbeitet sich nach den verheerenden Kriegsjahren wieder in das normale Leben zurück, doch die Erinnerungen sind noch frisch, werden durch die vielen Kriegsopfer, die Krüppel hier und da auf den Strassen und in den Gedanken der überlebenden Soldaten noch frisch gehalten. Auch Tristan Sandler hat den Krieg nicht unbeschadet überstanden. Äußerlich mit Narben gekennzeichnet, innerlich mit kaum stabiler Nervenkraft. An einem Tag fährt er von London nach Norwich, um der Schwester seines Kameraden (und besten Freundes), der gefallen ist, deren gesammelte Briefe wieder zu geben und auch zu berichten von ihrem Bruder, der gemeinsamen Zeit in der Ausbildung und an der Front. Doch noch mehr liegt ihm auf dem Herzen, denn für Tristan war das Verhältnis zu Will Bancroft weitaus mehr als nur eine enge Kameradschaft. Jener Will, der außerordentlichen Mut bewies und zu einer starken Persönlichkeit reifte. Weniger als reiner Soldat, viel mehr noch als Mensch. Während Tristan im entscheidenden Augenblick, zumindest in seinen eigenen Augen, versagte und nicht zu seiner Freundschaft und seinen wahren Gefühlen gestanden hat. Ein Versagen, das ihn seitdem innerlich verfolgt.

 

Ruhig, die Atmosphäre der Zeit und im besonderen jene in England präzise mit vielen detaillierten Schilderungen treffend, nimmt John Boyne den Leser mit in eine hoch emotionale Geschichte voller Dramatik, Liebe, Verlust und Trauer. Eine Geschichte, in der die Schrecken des Krieges von ihm ebenso unprätentiös (und gerade durch diesen Stil innerlich mitnehmend) geschildert werden, wie er seinem eigentlichen Thema nachgeht. Der inneren Verbundenheit zweier Menschen, die im äußeren Leben gerade in jener Zeit so schwer nur darstellbar und offen lebbar war. Schon die Ankunft Tristans in seiner Pension  in Norwich in der Gegenwart des Jahre 1919, bei der das Zimmer „Desinfiziert“ werden muss ob einer „unmoralischen Begegnung“ zeigt die Linie, die Boyne im Buch weiter verfolgt. Hier das Erleben der Personen, dort die unnachgiebigen „Standards“ des öffentlichen  Lebens. Standards, die im soldatischen Umgang noch wesentlich stärker akzentuiert vorliegen und zu einem beständigen Druck auf das innere Erleben zumindest Tristans führen. Der sich im entscheidenden Moment als feige erweisen wird und daran innerlich zerbricht.

 

John Boyne legt eine hoch emotionale Geschichte vor, in der er mit seinem ruhigen Stil nuancenreich sowohl die Härten des ersten Weltkrieges als auch die inneren Kämpfe seiner Protagonisten Seite für Seite intensiv offen legt. Trotz einiger Längen in der Darstellung und einer manchmal zu ruhigen Erzählweise ist dies ein sprachlich und inhaltlich berührendes und gut zu lesendes Buch.

 

M.Lehmann-Pape 2012