Arche 2012
Arche 2012

John Boyne – Der freundliche Mr. Crippen

 

Gesellschaftsroman mir detaillierter Atmosphäre und Persönlichkeiten

 

Eine technische Errungenschaft des Anfangs des 20. Jahrhunderts ist es, der Boyne in seinem neuen Roman eine später zentrale Rolle mit zuweisen wird. Dass durch den „Marconi-Telegrafen“ ein Schiff 1910 auch auf hoher See Nachrichten mit dem Festland austauschen konnte. Historische Fakten, auch, was den „Fall“ angeht, der im Buch eine Rolle spielt, die Boyne flüssig dem Roman zu Grunde legt.

 

Das wird vor allem für Mr. Robinson und seinen Sohn Edmund (der starke Schwierigkeiten mit seinem Vornamen und der Benennung seines Vaters zu haben scheint) von Bedeutung werden. Beide sind, mit anderen Protagonisten zusammen, an Bord der „Montrose“ zur Überfahrt von Antwerpen nach Kanada. Ein bunt zusammen gewürfelter Haufen, der in Gefahr steht, sich in Teilen schon schnell schwer gegenseitig auf die Nerven zu gehen.

 

Von der hochnäsigen „Lady“ über deren kaltherziger Tochter hin zu „Mrs. Hayes“, einer warmherzigen Alleinreisenden und zum 14jährigen Rüpel, dem jugendlichen „Ersatzoffizier“ Billy Carter und dem strengen Kapitän und „Bligh“ Verehrer Kendall. Personen, die sich in verschiedenster Konstellation miteinander in (auch unfreiwillige) Beziehungen begeben werden.

 

Personen vor allem aber, mit deren sorgfältiger und detailreicher Darstellung John Boyne treffend die Atmosphäre, das Standesdenken, die Unfreiheiten, aber auch den Lebenswillen mancher Menschen der Zeit des beginnenden 20. Jahrhunderts (der oft nur heimlich seinen Weg finden durfte) abbildet.

Dieses Gesellschaftsbild ist gut gelungen und liest sich auch im Stil flüssig und differenziert.

 

Boyd versteht es durchaus, seine Personen fassbar zu gestalten und deren Geschichte voranzutreiben.

Auch in den Rückblicken auf des Leben des (eigentlich gar nicht so) „freundlichen Mr. Crippen“, der als armer Schlucker die Kosten für ein Medizinstudium in den USA nicht aufbringen konnte, sich aber durchaus anders zu behelfen weiß. Wobei seine sehr kühle innere Haltung sicherlich hilfreich ist.

 

Bedauerlicherweise macht Crippen wenig Geheimnis um die hintergründigen „Geheimnisse“ seines Personals. So ist dem kundigen Leser nach Lesen des Klappentextes und wenigen einführenden Seiten bereits klar, wer „Edmund“ wohl wäre und wie das mit „Mr. Robinson“ zusammenhängt. Die „Aufdeckung“ des doch gerade in seiner "Lösung" konstruiert wirkenden „Falles“ (auch wenn die historischen Fakten von Boyne fundiert im Buch Eingang finden)  ist somit eines weiten Teiles an Spannung beraubt und fesselt den Leser auch in den verbliebenen Ereignissen nur an einigen Stellen einigermaßen.

 

Insgesamt eine, was die Darstellung der Zeit der Handlungen (die „Hauptgeschichte“ spielt 1910, die Rückblenden beginnen bereits 1862) und die handelnden Personen mitsamt ihrer verdeckten Interessen und Intrigen angeht gut recherchierte und lebensnah erzählte Geschichte.

Was die Hintergründe und den „Fall“ angeht, zu leicht und zu früh in den Grundzügen geklärt.

 

Wer sich aber auf gesellschaftliche Feinheiten vergangener Zeiten interessiert, den Fortschritt der Technik damals mitverfolgen möchte und Einblick in eine interessante Darstellung der damaligen Seefahrt und des Standsdenken schätzt, wird hier durchaus auf seine Kosten kommen.

 

M.Lehmann-Pape 2013