Berlinverlag 2017
Berlinverlag 2017

John Freeman Gill – Die Fassadendiebe

 

Eine Hommage an Stadt, Familie und persönliche Entwicklung

 

„Dann entdeckte ich es. Mitten in einer verdrehten Messingkonstruktion, die möglicherweise einmal ein Treppengeländer gewesen war, hatte sich Moms gelbes Tuch um einen verbogenen Pfeiler gewickelt. Irgendwo dahinter, wie weit entfernt, konnte ich nicht sagen, glaubte ich, ihr Lachen zu hören, eine Art gekeuchtes Kichern“.

 

Dass dabei der Vater plötzlich nicht mehr neben ihm steht, sondern weg ist. Dass jenes „gekeuchte Kichern“ auch mit dem Mann zu tun hat, mit dem „Mom“ vor kurzen die „Open Air Party“ auf diesem Gelände voll geschichtsträchtigem Schutt, verlassen hat, um „kurz“ noch etwas zu holen, dass erschließt sich dem, zu diesem Zeitpunkt gerade fünfjährigen Ich-Erzähler nicht sofort. Wohl aber die Folge für die Familie samt merkwürdiger Untermieter, die sich von da ab im elterlichen Heim die Klinke in die Hand geben.

 

Vor allem aber beinhaltet dieser Satz in den Worten und darin mitschwingend die Themen des gesamten Buches, dass den Leser auf eine Zeitreise an jenen Ort mitnimmt, an dem die „Veränderung der Welt“ massiv Fahrt aufnahm und auch die persönliche Entwicklung des da noch kleinen Jungen Griffin ihren Weg nimmt. Die Party inmitten von Bauschutt aus ehemaligen Gebäuden der Stadt. Der nicht mehr zu greifende Vater, der Verlust der Familie (auch der „eigenen Höhle“ später).

 

Letztendlich gelingt es Gill, einen mitreißenden Entwicklungsroman auf verschiedenen Ebenen sprachlich faszinierend in Worte zu bringen, die beim Leser eigene Erinnerungen, Assoziationen auf nicht wenigen Ebenen umgehend hervorrufen. Auch wenn es vordergründig um eine Hommage an das „alte, liebenswerte, menschlich lebendige“ New York geht, das, was dort geschah, ist in jeder Stadt und in jedem Leben wichtig.

 

Vordergründig dabei immer präsent die Veränderung der Lebenswelt in den letzten Jahrzehnten am Beispiel New Yorks und der starken Eingriffe in das Stadtbild (und damit auch in die Lebensatmosphäre der Bewohner der Stadt). Geld, Gier, Gentrifizierung, das Verschwinden all der kleinen Läden und Bars, der Treffpunkte für die Nachbarschaft, des Wegzugs, des „es sich nicht mehr leisten können“, das Leben am Ort bis hin dazu, mehr und mehr nurmehr damit beschäftigt zu sein, ständig tätig zu werden, um das nötige Geld für das Leben im Moloch New York aufzutreiben.

 

Gewinn ja, aber „seelenlos“. Eine Zeit, die den Verlust der „Seele“ nicht nur in Kauf nimmt, sondern gezielt und radikal vorantreibt, dafür steht dieses New York ab den siebziger Jahren.

 

Eine Entwicklung, gegen die sich Griffins Vater wie ein Don Quichote stellt (ohne dessen liebenswürdige Harmlosigkeit zu besitzen).

 

Egal wo er was findet, egal an welcher „neuen Baustelle“ Altes zerstört, abgerissen, zum Wegwerfen ausgesondert wird, ganze Fassaden gar, das ist es, was Griffins Vater (und er als Jugendlicher dann als Hilfe für diesen) „retten will“. Und das meist auf nicht sonderlich legale Weise, denn „einfach so“ kann man weder das schwere Material sich unter den Arm greifen noch gehört es einem einfachen Bewohner der Stadt ja.

 

Der Versuch, das „alte Leben“ festzuhalten. Neben dem melancholischen Blick zurück des Autors schwingt auch das als Thema mit. Nicht loszulassen, sich dem Neuen zu verwehren (und das nicht selten mit guten Gründen, hier und da aber auch mit psychopathischen Anklängen). Das ist die eine Seite der flüssig und mit Tiefgang erzählten Geschichte.

 

Eine familiäre Trennung, ein Schock für das Kind, der unreflektierte Wunsch und Antrieb, dem Vater nahe zu sein, ihn stolz zu machen, Teil seines „Rudels“ zu sein, dass ist eine zweite, ebenso intensive und in der Tiefe ausgelotete Entwicklung im Roman.

 

Eine Nähe, die Griffin lange nicht hinterfragt und die ihn (fast) das eigene Leben im übertragenen Sinne zumindest kostet. Denn jedes sich Lösen, jedes Zugehen in der Gegenwart auf ein mögliches eigenes Leben führt ja weg von der Haftung an der Vergangenheit und damit auch von der eher einseitigen und nicht unbedingt stabilen Verbindung zum Vater.

 

„The City, we have lost“, eine der Überschriften über einen der Teile des Buches bedeutet daher wesentlich mehr als nur die Veränderung eines Stadtbildes, die Neugestaltung von Fassaden und Wohnblöcken und auch mehr, als nur das „sich nehmen“ und betrachten und bewahren alte Teile jener Stadt des Lebens, die im Buch die Protagonisten äußerlich wie innerlich vor tiefe Herausforderungen stellt. Und durch deren Augen auch den Leser.

 

 

M.Lehmann-Pape 2017