Hanser Verlag 2018
Hanser Verlag 2018

John Green – Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken

 

Überragend

 

Auch wenn Greens Themen die „Teenager-Themen“ sind, in seiner Grundsätzlichkeit bilden die Werke des Autors, und auch dieses ist keine Ausnahme, solch weitreichende Einblicke in das Leben, die Psyche, in die Themen von Liebe und Freundschaft und Sinnsuche, dass Leser jeden Alters sich angesprochen fühlen dürfen.

 

Dass es Green zudem noch gelingt, in einer durchgehend jugendgerechten Sprache auch Erwachsene eben nicht sprachlich zu unterfordern, sondern die empathischen Möglichkeiten des Lesers emotional durchweg auf den Punkt abzurufen, darin spiegelt sich eine hohe Kunst des Schreibens.

 

Und ein drittes tritt hinzu, was beim zweiten und dritten Nachfühlen während der Lektüre eher unüblich ist und doch absolut trifft. Green schreibt keine einfachen Geschichten mit einfachen Antworten und einem voraussehbaren „Happy End“. Sondern folgt dem Leben, wie es sich im Alltag weit realistischer darstellt.

 

„Das Problem bei Happy Ends“, so äußert sich die zentrale Person des Werkes, Aza Holmes, „ist, dass sie entweder nicht richtig glücklich machen oder sie sind kein richtiges Ende…… Im richtigen Leben werden manche Dinge besser und manche Dinge werden schlechter und irgendwann stirbst Du“.

 

Was, auch das wie mit leichter Hand und doch schwer im Ton zu treffen, Green nicht in Richtung eines allgemeinen Trübsals abgleiten lässt, sondern durchaus in Einsicht, Tiefe und hoffnungsvolle Ausblicke am Ende verwandelt. Nur eben so, wie das Leben ist, und nicht so, wie es Freunde einfacher Geschichten mit einfachem „Happy End“, am liebsten hätten.

 

„Keiner wurde verletzt!“.

„Alle wurden verletzt!“.

 

Das eine die Stimme der „Schönfärberin“ und „Dampfplauderin“ im Buch (die durchaus aber auch zu tiefen Gedanken fähig ist), das andere die Stimme der bedrängten, von Ängsten und Zwängen befallenen Aza.

 

Die nicht umsonst „Holmes“ heißt. Wobei Green sich, was den berühmten Namensvetter angeht, nur nebenbei in kleineren Linien einem „Detektivfall“ zuwendet (ein reicher Milliardär ist verschwunden und hat seine beiden minderjährigen Söhne ohne weitere Nachricht allein zurückgelassen).

 

Wohl aber breitet Green, wie bei Sherlock selbst immer im Hintergrund zu spüren, die Ebene der „inneren Zerrissenheit“ par Excellence vor den Augen des Lesers aus.

 

Gefangen in den eigenen Gedanken und Neurosen, im inneren Dialog mit sich selbst und hier der überbordenden Angst vor einer Infektion mit Bakterien (Küssen? 80 Millionen Bakterien tauschen den Besitzer? AUF KEINEN FALL).

Da wird auch mal ein Desinfektionsbehälter an der Wand im Krankenhaus zur Trinkflasche, da wird eine kleine Wunde am Finger nagend offengehalten und breitet sich teilweise als einziges Thema im ganzen Kopf Azas aus.

 

Brilliant aber, vor allem, ist es, wie Green diese inneren Zustände seiner Personen dem Leser erlebbar macht. Wie im dunklen Tunnel Taschenlampen ausgeschaltet werden und die bedrückende Dunkelheit und Orientierungslosigkeit den inneren „Dauerzustand“ emotional treffend in Szene setzt. Wie „Daisy“ irgendwann tief hinter die Fassade ihrer ständig aufgesetzten legeren Fröhlichkeit blicken lässt und da dem Leser deutlich wird, warum das Mädchen an einem Stück redet. Damit es eben nicht still um sie wird.

 

Dieses „in sich eingesperrt sein“. Auf der anderen Seite die nicht zu bewältigende Härte für zwei Jugendliche, vom Vater alleingelassen zu werden und im Erbe hintenanstehen zu sollen hinter einem Dinosauriernachkömmling.

 

Die Hilflosigkeit der Mutter Azas, die ohnmächtig oft ihr Kind entgleiten sieht. Und daneben die „sonnigeren“ Themen junger Liebe, die ebenfalls nicht im Weichspüler enden werden. Wie auch nicht die legere und gerade dadurch nachhaltige Schilderung, was es für einen Teen heißt, eher arm zu sein. Oder dass es einfacher ist, einem Ding wie einem Auto in Freundschaft verbunden zu sein als „echten“ Menschen.

 

Das „der Fall“ immer am Rande mitverfolgt wird, Plötzlich Geld zur Verfügung steht, auch die größte Geduld am Unvermögen des anderen, was körperliche Nähe angeht, zu Ende geht du sich am Ende zwar alles aufklärt und dennoch offenbleibt, das ist einfach beeindruckend zu lesen. Zudem die Lektüre auf keiner Seite langweilt, sondern den Leser ohne Anlauf in Beschlag nimmt und nicht mehr loslässt.

 

 

Wieder einmal trifft Green absolut treffend den „Nerv des Lebens“ und legt eine Lektüre vor, die den Leser bereichert, ernüchtert, traurig und froh zugleich zurücklässt. Mit so vielen kreativen Feinheiten versehen, dass Seite für Seite vertiefende, innere Erlebnisse warten.

 

M.Lehmann-Pape 2018