Heyne 2015
Heyne 2015

John Grisham – Anklage

 

Zieht sich

 

Wer den neuen Roman von John Grisham in der Erwartung aufschlägt, einen der gewohnten, detaillierten und anregende-spannenden Gerichtsthriller des Autors vorzufinden, sieht sich nach doch einigen Seiten bereits enttäuscht.

 

Eher könnte man diesen Roman als „Entwicklungsroman“ bezeichnen, in dem die junge, ehrgeizige New Yorker Anwältin für Immobilienfinanzierung, Samantha Kofer, durch die Ereignisse um die Lehmann Bank 2008 entlassen wird. Auch wenn das „Freistellung“ heißt.

 

Bestimmte Privilegien wie die Krankenversicherung werden ihr nur zugesagt, wenn sie für 12 Monate sich gemeinnützig engagiert. Was gar nicht so einfach ist in einer Zeit, in der tausende Banker und Anwälte auf der Straße landen und ähnliche Wege gehen wollen (oder müssen).

 

Die Mutter in hoher Position im Justizministerium, der Vater ein Prozess-Finanzier, der aus steuerlichen Betrügereien heraus seine Lizenz als Anwalt verloren hat. Beides keine Anlaufstationen, bei denen Samantha sich wirklich dauerhaft wohlfühlen würde.

 

So landet sie letztendlich in Brady, einem verlorenen Ort in den Appalachen, in einer pro bono Kanzlei, die sich viel und oft mit den Folgen des brachialen Kohletagebaus vor Ort beschäftigt, aber auch andere „verlorene Wesen“ vertritt.

 

Ehestreit, Enterbungswünsche, Staublunge, miese Tricks bei der illegalen Eintreibung von Altschulden, die längst gestrichen sein müssten, so sieht nun der Alltag der jungen Frau aus, die zuvor noch nie vor Gericht als Anwältin aufgetreten war.

 

Wobei natürlich auch die Hormone nicht ganz zu kurz kommen werden, ein attraktives Brüderpaar, Anwalt und Anti-Kohle Aktivist, werden das ein oder andere Sehnen in Samantha wachrufen.

 

Bis ein Todesfall geschieht. Und plötzlich Samantha vor großen Entscheidungen für ihr Leben stehen wird.

 

Der Kohleabbau in zuvor unberührter Landschaft, das Ausgeliefertsein der Menschen dort den großen Betrieben einerseits gegenüber und sich selbst andererseits, das bringt Grisham durchaus flüssig und bildkräftig zur Sprache.

 

Andererseits, wenn es fast 300 Seiten benötigt, bevor der Leser den Hauch eines Gefühls bekommt, dass jetzt wirklich etwas passieren könnte und zuvor Kindheit, Jugend und Inneres der Protagonistin zwar ausführlich, aber mit wenig psychologischer Tiefe ausgestattet erzählt wird.

 

Und wenn zu guter Letzt die „amourösen“ Dinge im Buch mehrfach völlig unvermittelt, ohne wirklichen Zusammenhang in den Raum treten und anscheinend  nur einer gewissen äußeren Wirkung mancher Männer zuzuschreiben sind, dann taucht doch mehr und mehr der Eindruck auf, dass Grisham hier Versatzstücke und routinierte Elemente seiner bisherigen „roten Linie“ an Thrillern teilweise gar etwas lustlos aufwärmt.

 

Dramatische Auftritte vor Gericht, ein erkennbarer „Symbol-Fall“, der sich entwickelt und den der Leser mitfiebert mitverfolgen könnte, auch das wird bis zum Schluss immer nur in kleinen Ansätzen im Buch vorhanden sein und sich recht schnell auch ein stückweit verlaufen (z.B. das Testament der alten Francine endet im Buch so im Vagen und läuft so lapidar als Faden der Geschichte aus, das dies wie ein reiner Zeilenfüller im Nachgang wirkt).

 

So geht es im Buch am Ende einzig um den Wandel der eleganten „Business-Anwältin“ zur handfesten Provinzkämpferin und einer intensiven Information des Lesers über die gewissenlosen Geschäftspraktiken der großen Kohlegesellschaften und der Vergewaltigung von Arbeitern (Gewerkschaften existieren nicht mehr) und Landschaft.

 

Flüssig geschrieben, aber mit wenig Spannung und innerer Anregung.


M.Lehmann-Pape 2015