Heyne 2014
Heyne 2014

John Grisham – Die Erbin

 

Souverän erzählt, aber mit einigen Längen

 

„Tod durch Zeugenaussage“, so werden es die beteiligten Anwälte etwa in der Mitte des Buches leicht stöhnend nennen.

 

Wenn es darum geht, in der Vorbereitung eines Prozesses alle Zeugen mit teils kleinteiligen Fragen Stunde für Stunde „durchzugehen“. Was Grisham, zum Glück, nicht in voller Länge dem Leser zumutet, dennoch aber durchaus in diesen Passagen eine Ahnung von dem vermittelt, warum Anwälte in solchen Momenten vor amerikanischen Gerichten den Tod durch Langeweile zu befürchten haben.

 

Da sind schon einige Längen, zu akribische Schilderungen des Ablaufes vor Gericht, zu kleinteilige Passagen, die es auch dem Leser nicht leicht machen, mit Konzentration und Spannung bei den Abläufen zu verbleiben.

 

Dies aber sind dann auch die einzig negativ zu vermerkenden Teile des Buches, in dem Grisham, wie oft, fundiert einen Prozess beschreibt, durch die „Jagd nach dem Motiv“ bis fast ganz zum Schluss die Spannung der Auflösung aufrecht erhalt und, zudem, durch Finten und Gegenfinten immer wieder für überraschende Wendungen sorgt. So stark, dass Jake Brigance, immer noch Anwalt in der Kleinstadt Clanton, noch an den Folgen seines aufsehenerregenden Prozesses vor einigen Jahren laborierend (der ihm zwar Ruhm, aber kein Geld eingebracht hat und zudem Carla und ihn das Haus gekostet hat) irgendwann wie der absolut sichere Verlierer dieses Prozesses aussieht.

 

Ein Prozess, in dem Brigance im eigentlichen Sinne keinen lebenden Klienten vertritt, sondern aufgrund seiner Bekanntheit aus dem Hailey Prozess von einem ihm bis dato Unbekannten mit der Vertretung dessen Testamentes beauftragt wird.

 

Seth Hubbard hat sich selbst getötet. In ganz bestimmter, später noch wichtiger Form. Hat seine Kinder und Enkel einen Tag zuvor handschriftlich enterbt und seine Haushälterin und Pflegerin (fast) als Alleinerbin von über 24 Millionen Dollar eingesetzt. Und Brigance schriftlich angehalten, dieses Testament bis zum letzten zu verteidigen. Was dem Anwalt jede Möglichkeit nimmt, einen wie immer gearteten Vergleich abzuschließen.

 

Klar, dass die Familie Hubbards nicht begeistert ist und alles in Bewegung setzt, das “letzte Testament“ anzufechten.

Schmutzige Wäsche zu waschen inklusive, wie die Heuschrecken fallen Anwälte, Beute riechend, in der Kleinstadt ein. Und treffen auf einen klugen und unbeugsamen Brigance und einen klare Kante zeigenden Richter, den Grisham als traditionellen „Alleinherrscher“ über das Recht im County anlegt.

 

Sowohl die engere Geschichte um den Prozess, als auch die weitere Geschichte der Hintergründe der Motive des Verstorbenen mitsamt der Familiengeschichte der schwarzen Haushälterin lesen sich hierbei sehr flüssig und in sich schlüssig, wie auch das persönliche Befinden und Ergehen Jake Briance, seiner kleinen Familie, seiner Freunde und Angestellten einfach Freude beim Lesen bereiten.

 

Souverän erzählt Grisham, von den zu kleinteiligen „Prozess-Längen“ einmal abgesehen und gerät nicht eine Seite lang aus dem Tritt (auch wenn das Finden eines wichtigen Zeugen doch sehr zufällig in den Raum tritt).

 

 

Alles in allem eine wiederum gute, unterhaltsame und in sich logisch geschlossene Lektüre, in der die Atmosphäre des Lebens in den Südstaaten der Gegenwart und Geschichte lebendig in den Raum tritt.

 

M.Lehmann-Pape 2014