Klett-Cotta 2011
Klett-Cotta 2011

John Kennedy Toole – Die Verschwörung der Idioten

 

Ein selbsternannter Kreuzritter

 

Kaum etwas entgeht Ignatious J. Reilly, vor allem nichts negatives an seinen Mitmenschen. Und da gibt es eine unfassbare Menge zu beobachten, gerade wenn seine verschiedenfarbigen Augen (eins blau, eins gelb), wie zu Beginn des Buches, sich adlerhaft auf die Suche nach Anzeichen von schlechtem Geschmack machen. Selbst neue und moderne Kleidung, keine Frage, weisen hin auf einen Mangel an Theologie, Geometrie und, unter Umständen, auf einen zweifelhaften Charakter. Was Wunder, dass Ignatius sich seit längerem bereits bemüßigt fühlt, seine Gedanken gegen diese moderne Welt schriftstellerisch nieder zu legen.

 

Das er selbst, bei näherer Betrachtung, vielleicht das noch schrägere Bild abgeben würde (kugelrunder Kopf, zu kleine Mütze, borstige Ohren, Schnurbart voller Krümel und ständig verachtender Gesichtsausdruck) stört denselben kaum. Das würde er auch gar nicht zulassen, denn wo er ist, ist oben und diese Welt, die Mitmenschen, was kann er anderes dazu sagen als ein vernichtendes Urteil zu fällen.

 

Bedauerlicherweise (oder zum Glück, wer weiß?) bleiben die Dinge nicht, wie er sie sich bequem eingerichtet hat. Ein Unfall seiner Mutter zwingt ihn zur Aufnahme eines wirklichen Jobs. Sprich eines Hinausgehens in die Welt, unter die Menschen, zu einem Eintauchen in den Alltag, den er bisher nur aus verächtlicher Distanz betrachtet hat. Doch Ignatius wäre nicht Ignatius, wenn er innerlich so schnell klein beigeben würde. Trägt er eben seine (im übrigen überaus krude) Sicht der Dinge mit missionarischem Eifer mitten hinein unter die Menschen. Mit der Folge unglaublich komischer, in Teilen durchaus aber anrührender, immer aber hervorragend unterhaltender Situationen und Begebenheiten, die John Kennedy Toole mit seiner ganz eigenen Form von Humor und sprachlicher Ausrucksweise in den Raum setzt.

 

In einen Raum, den er mit einer ganzen Heerschar eigener bis eigentümlicher Charaktere zu bevölkern versteht. Von Mr. Clyde, dem neuen Chef des Buchhelden (und nunmehr Hot Dog Verkäufers, nach Scheitern erster Gehversuche in der Arbeitswelt)) über Wachmann Mancuso, der seitenweise mit seiner Erkältung kämpft bis hin zu Ignatius Mutter als überversorgende Glucke und nicht zuletzt Myrna, die kongeniale Studienfreundin und Adressatin von Ignatius grundlegenden Reflektionen des Lebens.

 

Tooles Roman bietet, neben allem, in Teilen brüllendem, Humor, einen durchaus nachdenkenswerten Spiegel (und Gegenentwurf) zum „modernen Leben“ mit all seinen vermeintlichen Segnungen. Fast trägt Ignatius autobiographische Züge, denn auch Toole suchte zu seiner Zeit vergeblich einen Verleger für sein Buch. Ein solch niederschmetterndes Unterfangen, dass er dies tatsächlich nicht überwand und sich 1969 das Leben nahm. Unsinnigerweise, wie man nach der Lektüre des Buches feststellen muss und eher unverständlich, vielleicht nur aus der damals engen Sicht der Zeit heraus zu verstehen, dass kein Verleger die durchaus vorhandenen Chancen des Buches erkannte. Vielleicht aber war auch erst im nachhinein, nach posthumer Veröffentlichung des Buches Anfang der 80er Jahre, die Zeit reif für eine solch satirische Betrachtung menschlicher Kulturhybris.

 

Voller Humor, Satire und kreativer Ideen, bevölkert mit ausgeprägten Charakteren, bietet das Buch einerseits ein hoch kreatives Potential (und besitzt hier zu Recht einen gewissen Kultstatus, gerade in der kruden Sicht der Welt), andererseits verläuft sich einiges der Ideen einfach auch im Ablauf der Seiten. Ein klarer, roter Faden fehlt zunehmend und macht die Lektüre des Buches, gerade im letzten Drittel, doch auch ein wenig anstrengend.

 

M.Lehmann-Pape 2011