Manhattan 2014
Manhattan 2014

John Kenney – American Dreamer

 

Das Leben und die Werbung

 

Finbar Dolans Mutter hat sich das Leben genommen, als er 12 Jahre alt war.

Zu seinen Geschwistern hat er wenig bis gar keinen Kontakt.

Auch wenn seine Freundin und Kollegin kurz vor Weihnachten Phoebe es fast zur Sentenz erhebt, ihn jedes Mal zu fragen:

 

„Hast Du Deinen Bruder angerufen“, und Finbar jedes Mal sagt „ja“ und jedes Mal lügt.

 

Seinen Vater hat er seit dem Geschehen um die Mutter nicht wiedergesehen und all das hat Spuren hinterlassen. Innere Spuren, die von außen erst einmal nicht sichtbar sind.

 

Denn Finbar ist durchaus erfolgreich. Werbetexter in New York (wenn es auch für seine Firma und ihn bisher nicht für die „großen Dinge“ der Werbung oder gar die Super-Bowl Pausen reicht).

Nicht unattraktiv, zynisch, mit hoher ironischer Distanz, mit der er sich das Leben weghält.

 

Klar, vor Kurzem wollte er noch heiraten und hat dies knapp vor dem Termin abgesagt.

Was unangenehm war. Vor allem, weil er auf die Frage nach dem Grund seines Antrages weder für Amy, seine Braut, noch für sich selbst überhaupt irgendeine Antwort findet.

Dieses „um sie nicht zu enttäuschen“ ist sicherlich kein tragfähiger Grund gewesen.

 

Das alles nagt an Finbar. Diese innere Distanz zu sich selbst. Und das dumpfe Ahnen, dass zumindest bei einer seiner Bekannten diese Distanz beginnt, zu bröckeln. Aber selbst als es in Hollywoodmanier im Schnee auf diesem Hügel über Boston eng werden könnte, Finbar greift nicht zu. Nähert seine Lippen nicht. Er wird wissen, warum er das einfach nicht kann.

 

Das ist die innenliegende Geschichte dieses munter erzählten, Seite um Seite mit Humor und hoher Ironie im Blick auf die Werbebranche gewürzten Romans von John Kenney. Ein innerer Fade, der allerdings seine Zeit benötigt, bis er dem Leser klarer vor Augen liegt.

 

Denn überlagert wird diese Entwicklungsseite des Buches von dem fundierten und rigorosen Einblick, den Kenney dem Leser in die Welt der „Werber“ verschafft. Dieses „In Szene setzen“ des wichtigsten Kunden und seines Produktes: Windeln.

 

„In der Welt der Werbung herrscht absoluter Hippnesszwang. Hip ist das allerwichtigste. Das Problem ist nur: Sobald ich mitbekommen habe, was Hip ist oder cool oder angesagt, ist er längst nicht mehr hip. Sondern Mainstream, mega-out“.

 

Dabei ist Finbar durchaus motiviert als Texter, mag seinen Job. Eigentlich. Oder langsam nicht mehr. Was der Leser verstehen kann, wenn er all die wichtigen, hippen, kreativen, nach Höherem strebenden Leute kennenlernt, von denen Finbar umgeben ist.

 

Und die John Kenney bis zum „Hippen“ T-Shirt, bis zur Nervenkrise, bis zu tiefernsten Gesprächen über einen Werbespot zu „Durchfall, Erbrechen, Übelkeit“ und der Krisengespräche über das Casting von „Durchfall“ nur scheinbar wie eine Persiflage erzählt.

 

Denn Kenney kommt aus dieser Welt und schildert, wie es ist. Auch wenn es übertrieben wirken mag, man nimmt ihm das ab.

Eine Welt des äußeren Scheins und des Ringens um das innere Sein, dass kulminiert, als Finbar doch den „Olymp“ in Reichweite sieht, er verantwortlich zeichnet für einen Werbefilm im Superbowl.

Und ebenso Schritt für Schritt sich selbst begegnen muss. Angesichts seines todkranken Vaters angesichts der Liebe, die ganz langsam und unscheinbar in ihm beginnt, zu drängen.

 

Das alles liest sich locker und flüssig, bietet vielfache Situationskomik und doch auch ernste Töne, zeigt auf, wie aus dem „notorischen Lügner“ Finbar (der seine „Werbeart“ ins Private übernommen hat) langsam die Wahrheit ans Licht gerät.

 

 

Hier und da mit Längen und Wiederholungen (was die Meetings und die „Szenen aus der Werbung angeht“), im Gesamten aber eine anregende Lektüre.

 

M.Lehmann-Pape 2014