Klett-Cotta 2012
Klett-Cotta 2012

John Lanchester – Kapital

 

Der Roman zur Lebenshaltung der Gegenwart

 

Sehr unterschiedlich sind die Personen und Lebensentwürfe, die im Roman in der Pepys Road in London wohnen, leben (und zum Teil auch arbeiten).

 

Von der alternden „Ur-Bewohnerin“ in ihrem mehr und mehr schäbig wirkendem Haus über die aufstrebende Moslem Familie (mit ihren ganz eigenen, inneren Spannungen, die auch für die Außenwelt später eine Rolle spielen werden) bis zum vermeintlich überaus reichen Investmentbanker (der aber drängend auf einen exorbitanten Bonus angewiesen ist, um nicht pleite zu gehen) und zum aufstrebenden Fußballtalent, das staunend aus seinem Drittweltland in diese Straße der Metropole gastweise einzieht, bis hin so manch anderen ganz eigenen Persönlichkeiten reicht die Palette der zusammengewürfelten Bewohner.

 

„All das war Teil einer einschneidenden Veränderung, die mit der Pepys Road vor sich ging. Seit es die Straße gab, war in ihr fast alles geschehen, was in einer Straße geschehen konnte“.

 

Es wurde gelebt bis dato in der Pepys Road und das nicht zu knapp. Aktiv, mit kleinen und etwas größeren Leben, aber bestimmend gelebt. Und dies ändert sich im Zuge des Immobilienbooms in London. Allmählich, aber spürbar. Mehr und mehr leben die Bewohner nicht, sondern „werden gelebt“. Vom Wert ihrer Häuser, um den sich alles beginnt, zu drehen.

 

„Das erste Mal seit Entstehen der Straße waren die Menschen in ihr reich. Sie waren reich, weil wie durch ein Wunder alle Häuser in der Straße nun Millionen von Pfund wert waren“.

Das vorherrschende „Kapital“ im Buch sind somit die Häuser der Straße, dahinter aber drängt sich der Mammon von allen Seiten. Und was das heißt, das erzählt Lanchester mit seinem intensiven Blick hinter manche der Fassaden der Straße.

 

Was aber noch nicht bei allen, vor allem nicht bei Petunia, wirklich innerlich angelangt ist. Und noch eines verbindet die Bewohner der Straße seit Neuestem. Alle erhalten Postkarten mit Fotos ihrer Haustüren und Häuser. Mehrere Karten. Alle mit dergleichen Aufschrift: „Wir wollen, was ihr habt“. Was genau das ist, wer hinter den Karten steckt, wie sich die einzelnen, differenziert und sprachlich wunderbar geschilderten Personen entwickeln, wie das alles im Blick von außen von den überaus fleißigen und mit beiden Beinen fest auf den Boden stehenden (außer, was die Liebe angeht), polnischen Handwerkern betrachtet wird und, vor allem, wie sich das Leben, die Werte, die Haltungen schleichend durch die nackte Anwesenheit (oder eben Nicht Anwesenheit) von Geld, dem „Kapital“, verändern, dies beschreibt Lanchester in diesem umfassenden und ganz hervorragendem Roman auf gut 680 Seiten.

 

Ein Metier, in dem sich Lanchester durchaus auskennt, was man dem Buch beständig anmerkt. Geld ist die Kraft, die vordergründig treibt, die die einen „noch mehr und mehr“ vor sich hintreibt, die andere überhaupt erst mal „hintreiben“ will, die Widerspruch und Bedrohung auslöst, um die sich letztlich die Gedanken fast aller Personen drehen.

 

Doch am Rande, nicht nur, aber gerade auch in der Person der Petunia, verleiht Lanchester in vordergründiger Naivität dennoch dem, worum es vielleicht doch noch wirklich geht, eine Stimme. Dem Atmen und am Leben sein, der Verbundenheit ohne Lebenswelten teilen zu können (in Bezug auf ihren Enkel vor allem). Innere Kälte ist es durchaus auch, die schleichend im Gefolge des Kapitals Einzug hält. Eine Kälte, die Lanchester nicht plump oder moralisierend benennt, sondern deren Entwicklung und Folgen er dem Leser spürbar durch seine bilderreiche Sprache „wie im Vorbeigehen“ nahe bringt. Ein Autor, der sein „Personal“ durchaus liebt und mit Intensität ins literarische Leben bringt.

 

Ein sehr empfehlenswerter Roman als „Portrait der Gegenwart“. Nicht nur in der Pepys Road.

        

M. Lehmann-Pape 2012