Piper 2017
Piper 2017

Jon Kalman Stefansson – Etwas von der Größe des Universums

 

Ein sprachliches und emotionales Erlebnis, aber auch schwere Kost

 

Wenn man als Leser Eltern ist, Sohn oder Tochter hat, dann sind bereits die ersten Seiten neiderdrückend, hoch emotional, hervorragend geschrieben, mitten hineinführend in eine spürbare, intensive, raue Atmosphäre, bei der sich Personen und Landschaft, Nähe und Distanzen bestens ergänzen.

 

Aber auch für jeden „Nicht-Eltern“ Leser ist das unglaublich Traurige zugänglich, die Stärke der Frau erschließbar, dieses verwundete Herz nahegehend.

 

In Kevlavik.

 

„Diesem seltsamen Ort abseits der Straße mit ein paar Tausend Einwohnern, einem leeren Hafen, Arbeitslosigkeit, Autohändlern, mobilen Hamburgerbuden und einem so flachen Umland, dass es aus der Luft aussieht, wie gestocktes Meer“.

 

Öde, düster, nicht nur ein wenig verlassen. Wie der Ort, so die Menschen. Und mit einer bildkräftigen Sprachgewalt beschrieben, dass es im Lauf der Lektüre fast zu viel wird an Dichte. Einfach so, nebenbei, kann man diesen Roman kaum lesen, eher Schritt für Schritt und Wort für Wort muss an all das, was Stefansson verdichtet beschreibt, auf sich wirken lassen.

 

Wobei jenes von der Größe des Universums im Kern die Familie ist. Jede Familie, im Besonderen natürlich jene, deren Geschichte über einige Generationen hinweg Stefansson im Roman beschreibt.

 

Und dazu gehört natürlich, nicht unbedingt in der Mitte der Ereignisse, aber als wichtige Person, jene Lilla gesetzt ist, die gleich zu Beginn einen herzzerbrechenden Verlust erleidet, von dem sie sich einerseits für sich selber nie wieder erholen wird, in dem anderseits aber vielleicht auch begründet liegt, warum sie den andern, gerade den Jüngeren wie Ari und dem Ich-Erzähler, so zugewandt ist.

 

„Es kostete sie große Kraft, zu lügen, dabei zu lächeln und dieses Lächeln vor der Tochter beizubehalten, damit sie in den letzten Stunden ihres Lebens etwas Schönes sah und darum glaubte, der Tod sei lediglich ein kleiner Seitenschritt“.

 

„Ihr Lächeln konnte Lilla durchhalten, aber an den Tränen, die ihr dabei aus den Augen liefen, war nichts zu ändern. Sie hielt ihre Tochter fest, doch auf der anderen Seite hielt der Tod viel fester“.

 

So auf den Punkt. So dicht in die Figur eindringend und den Leser dabei unaufhaltsam mitnehmend, diese Intensität hält Stefansson dabei durch den Roman hinweg durch. In dem die Härte des Lebens nicht gemildert wird. Und das bei Weitem nicht der letzte Todesfall mit Folgen ist, den Stefansson geschehen lässt. Wenn auch nicht alle so dramatisch sind, wie der des Mannes, der betrunken ins eisige Wasser fällt.

 

Was nicht immer einfach zu verstehen ist in den vielfältigen Querverbindungen der auftretenden Personen und, wie erwähnt, auch sprachlich dem Leser einiges abfordert, weil kaum (erholsame) „leichte“ Teile in der Erzählung zu finden sind. Alles wirkt doch wuchtig, schwer, untereinander distanziert, im Kern bereits melancholisch „zur Welt gekommen“. Dem das Land selbst mit seinen langen Phasen an Dunkelheit und der schroffen Landschaft bestens korrespondiert. Was Stefansson so sehr nutzt, dass die Landschaft fast als eigenständige Person dem Buch ihren Stempel aufdrückt. In der der Sohn mit dem Vater, bevor es zu spät ist (und es ist schon recht spät) grundlegendes noch zu klären hat auf dieser Seite des Lebens.

 

 

Sprachlich hervorragend, bildkräftig, schroff in den Personen, deren „Weiche“ Seiten Stefansson schon aufzeigt, die aber im Zwischenmenschlichen kaum zum Tragen kommen. Keine Einfache oder leichte Lektüre, die aber durchaus an die wesentlichen existenziellen Fragen von Verbundenheit, Sterben, Tod, Trennung, Wärme und Kälte beständig herangeht.

 

M.Lehmann-Pape 2017