C.H.Beck 2013
C.H.Beck 2013

Jonas Lüscher – Frühling der Barbaren

 

Wenn der innere Rahmen sich auflöst

 

„„Das wird kein gutes Ende nehmen“, prophezeite er über den Rand einer englischen Zeitung vom Vortag hinweg. „Diese Kinder, sie werden uns alle in den Abgrund reißen““.

 

Wobei dieses Geschehen des „Abgrundes“ in der Novelle Lüschers noch lange auf sich warten lassen wird. Erst zum Ende hin kommt in diese „Außenwelt“ Fahrt hinein, zuvor breitet Lüscher Seite um Seite mit Akribie und bildkräftiger Sprache die „Innenwelt“ seiner verschiedenen Protagonisten aus, die sich dort in der Wüste in Tunesien im luxeriösen Ambiente zunächst den Feierlichkeit einer Hochzeit hingeben.

 

 Ein interessantes Spannungsmoment des Buches liegt dabei zwischen dem „modernem“ Thema des Romans und seiner „antiquierter“ Form. Im sprachlichen Stil einer Gesellschaftsnovelle des beginnenden 20. Jahrhunderts lässt Jonas Lüscher in seinem Debüt hinter die Fassaden des modernen, finanz- und konsumorientierten Menschen blicken. In gründlicher Vertiefung von Persönlichkeit und Eigenart seiner Figuren führt er so fast gemächlich den Spannungsbogen im Buch ein und fort, immer im Hintergrund mitschwingend lassend, dass hinter den souveränen und höflichen Fassaden noch ganz anders an Handlungsweisen lauert

 

Auf der einen Seite beschreibt Lüscher damit wortgewandt einerseits die Hilflosigkeit und massive Egozentrik des „Westlers“. Schnösel, finanzkräftige Leute, die dann ohne Vorbereitung auf den (fiktiven) Staatsbankrott Englands zu reagieren haben.

 

Kreditkarten gesperrt, kein Geld zu bekommen, für nichts wird mehr gerade gestanden, weder für Flüge zurück noch für die exorbitante Hotelrechnung der Gesellschaft. Schnell fallen dann zum Ende des Buches hin die Fassaden. Nackte Egozentrik, Ohnmacht, jeder gegen jeden tritt in den Raum, eine „Barbarei“, die um sich greift.

 

Mittendrin der Fabrikant Preising, Schweizer, zunächst wenig betroffen und doch mit hineingesogen in den beginnenden Taumel.

„Preising.... sucht Saida in ihrem Büro auf, um sich von ihr eine Mahlzeit zu erbitten“. Soweit ist es schon gekommen.

 

Ein Taumel, der auch die andere Seite nicht auslässt. Die Einheimischen, die „Bediensteten“, zunächst servil, sehen sich plötzlich in der Rolle der „Oberhand“ wieder. Nicht nur im Hotel.

 

Eine Gemengelage, die nur hier und da kleinere Funken braucht, um letztendlich in einer Katastrophe zu münden. Ein Kamel und ein aufschneiderischer Engländer mit seinem „Rezept vom gefüllten Kamel“ werden dafür sorgen, dass Blut fließen wird. Nicht nur das des Kamels. Denn auch der Kampf um den Swimmingpool wird entbrennen. Ganz lakonisch, wie nebenbei lässt Lüscher zu diesem Zeitpunkt der Geschichte dann Blut fließen und  wahrhaft barbarische Riten in den Raum treten. Eine ganze Verkettung eigentlich von Kleinigkeiten, leichten Intrigen, Hochnäsigkeit lässt Lüscher dabei geschickt ineinander greifen um aufzuzeigen, wie wenig gefestigt das bisschen Tünche der Zivilisation letztlich im Raume steht und wie schnell das „jeder gegen jeden“ für noch so kleine momentane Vorteile aufbrechen kann.

 

Ein Vorwurf, den Lüscher durch die gesamte Geschichte hindurch sorgsam mitschwingen lässt. Dass selbst jene, die noch einen Rest moralischen Empfindens in sich tragen, wie Preising, zu wenig handeln, wenn es noch an der Zeit ist. So legt Lüscher durchaus eine gewisse Tragik in seinen Protagonisten Preising, der immer kurz davor zu stehen scheint, doch aktiv einzugreifen, letztlich aber nicht zur Handlung sich durchringen kann.

 

So verbleibt am Ende eine Form des Fatalismus und des Aufzeigens einer allseitigen inneren Lähmung, eines „alles ist möglich – aber nur nach unten“, die beim Leser durchaus Nachhall erzeugen wird. Auch wenn es nicht einfach ist ob der gewählten Form, der Langsamkeit und des teilweisen breiten Ausschweifens der Erzählung, immer nah am Geschehen und den Personen zu bleiben. Ein gewisses Gefühl der Künstlichkeit im Stil, des „weit weg“ von moderner Alltagssprache und Sprachverständnis hindert letztlich die Lektüre doch mehr, als dass es sie befördert und in ihrer Fremdheit zu fesseln vermag.

 

Im Gesamten eine interessante Lese Erfahrung und eine in Teilen sprachlich elegante Darstellung des labilen Zustandes dessen, was die moderne Welt „Zivilisation“ nennt mitsamt ihrer verbreiteten inneren Ohnmacht und Handlungslosigkeit, wenn es darauf ankäme.

 

M.Lehmann-Pape 2013