Droemer 2014
Droemer 2014

Jonas Winner – Das Gedankenexperiment

 

Ein philosophischer Roman

 

Die drei „skeptischen Paradigmen“ sind es, die Jonas Winner diesem Roman als „Ausgangspunkt“ zu Grunde legt.

Und schon dies macht klar, dass der Leser zum einen eine gewisse Freude an der Philosophie und, ebenfalls, am Denken abstrakter Zusammenhänge.

 

Denn was Winner nicht nur zum Ausgangspunkt seiner Geschichte setzt, sondern auch wie er dieses Schritt für Schritt in der Person seiner Hauptfigur voranbringt, was es mit Elektroden im Kopf fast wie in der Fantastik dann auf sich hat und ob das alles Wahn oder Wirklichkeit ist und was das „vierte Paradigma der Täuschung“ sein könnte, das hebt dann schon zunehmend vom „Boden des Alltages“ ab.

 

Um also diesem sprachlich überzeugend dargeboten und mit ganz eigener Atmosphäre in einem fast „Spukschloss“ zu nennenden Haus (nicht umsonst ist ein „Dämon“ Teil einer hochkomplexen Wandzeichnung) einigermaßen folgen zu können, bedarf es der Konzentration und der Bereitschaft, sich auf „Rand-Denken“ auch einlassen zu wollen.

 

Winner vollzieht das, was er philosophisch vor Augen führt nämlich ganz praktisch im Buch mit dem Leser. Was ist Realität, was Täuschung, was Wahn, was Wirklichkeit? Dies liegt im Roman in sehr intelligenter und hintergründiger Weise vor, allerdings um den Preis, dass das Grundmotiv, welches Winner als (mögliche) Erklärung setzt, ein innerer „Parasit“, dann doch in den Bereich des Surrealen und Abstrakten zu sehr abdriftet.

 

Grundlegend aber ist und bleibt es eine spannende Frage, ob das „Sein“ eine merhfache Täuschung ist. Wie Platon es grundlegend andenkt. Sind die Sinneseindrücke „Täuschung“, wie Descartes es formuliert und ist die „Sprache“ eine Täuschung, wie Wittgenstein herausarbeitet? Und wohin führ der nächste Schritt dieses „skeptischen Denkens“?

 

Das ist das Interesse des alten Professors Habich („Hab-Ich“). Zu dessen Unterstützung und Sichtung des Materials stellt sich Karl Borchert vor, der als junger Philosoph gerade eine schmerzliche Abfuhr in Bezug auf die Finanzierung seines Forschungsvorhabens erleiden musste und daher wissenschaftlich „auf der Straße steht“.

 

Jener Karl, der als Junge einen schweren Unfall mit Schädelbruch und „offenen“ liegendem Gehirn erlitt. Dessen Vater ihn operierte. Mit Folgen, wie sich später herausstellen wird und mit Kalkül, was lange Zeit nicht bekannt war.

 

Karl stürzt sich in die Arbeit und wird immer verwirrter. Was ist das für eine Forschung? Warum sind die „Impulsgeber“ der drei „großen Philosophen“ eines unnatürlichen Todes gestorben. Gibt es eine „ideale Sprache“? Schützt da jemand ein „Geheimwissen“ über Jahrhunderte hinweg?

 

Wobei auch seine direkte reale Umgebung Karl zu schaffen macht. Die junge Frau des Professors, Lara, zieht ihn mehr an, als ihm lieb sein könnte (sprachlich wunderbar gestaltete verdeckte erotische Anwandlungen (Täuschungen?) lässt Winner gerade im ersten Teil des Romans einfließen), das Verwalterehepaar mit zunächst scheinbar nur einem Kind benimmt sich merkwürdig, der Professor lässt sich nicht wirklich in die Karten schauen.

 

Mehr und mehr driftet Karl eine Welt zwischen Realität und Traum ab, wechselt die Perspektiven, fühlt sich zu Handlungen getrieben, die in Verbrechen enden könnten.

 

Spannend gestaltet Winner diesen „weltlichen“ Teil der Handlung, immer abstrakter wird dabei die „Täuschung“ und der zunehmende Skeptizismus gegen Überlegungen und vermeintliche Erkenntnisgewinne, bis der Leser beim eher offen gehaltenen Ende anlangt.

 

Sprachlich bildreich und flüssig gestaltet, den Personen intensiv nachgehend bietet der Roman einerseits eine unterhaltsame Lektüre, führt allerdings philosophisch nicht überaus interessierte Leser teilweise in eine zu hohe Abstraktion und Verwirrung. Auch wenn diese „Verwirrung“ als Erlebnis des Lesers natürlich gewollt ist, um zu erfahren, dass man eben „nichts Hat“, wie auch Professor „Habich“ und Karl erkennen werden. Gegen Ende hin. Oder war Karl doch auf der richtigen Spur?

 

 

So bietet Winner nicht nur im Roman ein „Gedankenexperiment“, sondern bindet den Leser ganz direkt durch die Lektüre mit in dieses hinein. Was überwiegend gut gelungen ist.

 

M.Lehmann-Pape 2014