KiWi 2015
KiWi 2015

Jonathan Evison – Umweg nach Hause

 

Eine besondere Reise

 

Was zunächst auf den ersten Eindruck wie ein Ableger von „Ziemlich beste Freunde“ klingt (und dem auch Nahe kommt, was Art und Grad der Behinderung des jungen Trev angeht) und eine Annäherung an „Pilgerreisen“ mitschwingen lässt (in Form eines Road Movies), entpuppt sich bei näherer Betrachtung doch als eine ganz eigenständige, mit trockenem Witz und je passender Ironie verfasste Geschichte.

 

Sei es, dass die „Reise“ erst etwa in der Mitte des Buches beginnen wird, sei es, dass die (im inneren Teil des Einbandes) avisierten Personen zum größten Teil erst dort und nach und nach (und manche auch nicht für sonderlich lange) das „Gefährt“ besteigen werden, sei es, im Kern, dass jenes „Zuhause“, welches der Titel in den Raum stellt, letztendlich gar kein äußerer Ort sein wird.

 

Mit trockenem Humor, zynischen und ironischen Spitzen, umgangssprachlich miteinander frotzelnd, so stellt sich der sehr flüssige und bestens zu lesende Stil Evisons von Beginn an dar. Und dennoch ist dies im Kern kein „lustiges“ Buch. Bei aller hier und da in den Vordergrund sich stellender Situationskomik (vor allem was Bob, Trevs Vater, den „Trampel“ angeht), es gelingt Evison durchgehend, die tiefere Ebene, die Verzweiflung, den Schmerz seiner Figuren ständig mitschwingen zu lassen.

 

Sei es bei Trev, den an Muskelschwund leidenden, den Tod vor Augen führenden, jungen Mann, der eindeutig hormonell völlig „in Ordnung“ ist und dennoch so gut wie nichts mehr selber kann, selbst im Blick auf die geliebten Computerspiele wird der „den Joystick an den Nagel hängen müssen“.

 

Sei es Ben, seinen Pfleger, den Ich-Erzähler des Buches, der eine zerdrückende Last an Schicksal und gefühlter Schuld trägt.

 

Sei es Janet, Ben´s „Noch-Ehefrau“, die, unbeobachtet sich wähnend, nur noch in Tränen ausbricht.

 

Sei es Bob, Trevs Vater, der seinen Behinderten Jungen umgehend kurz nach der Geburt verlassen hat und nun auf allen möglichen und unmöglichen Wegen versucht, wieder näher zu kommen (mitsamt vor allem fettiger KFC Papiertüten).

 

Vom Leben geschlagene Menschen kurz vor der völligen Resignation. Und nun steht eine Woche Reise an. Sehenswürdigkeiten aller Art möchte Trev noch sehen. Eine Fahrt, die nicht ohne Komplikationen ablaufen wird, eine Fahrt, auf der noch andere, gebrochene Menschen sich auf den Sitze des Vans niederlassen werden. Oder, wie Ben, auch mal eine Zelle von Ihnen zu sehen bekommen wird. Oder bei einer Geburt assistieren muss.

 

„Elton macht uns reich. Er hat eine Erfindung gemacht…..“, ist einer dieser Sätze im Buch, mit denen wilde Hoffnung ausgedrückt wird und bei denen doch schon in der Atmosphäre mitschwingt, dass das Leben „eine Dreckssau“ ist (oder zumindest für manche sein kann).

 

Temporeich und jederzeit mit Tiefgang lässt Evison den Leser teilhaben an der inneren Bürde seiner Protagonisten. Personen, die sich nicht unterkriegen lassen wollen, die mit direkter Sprache sich gegenseitig nicht fallenlassen werden und die, jeder und jede für sich, vor allem aber Ben (dessen dramatisches Schicksal Evison in Zwischeneinschüben in aller Ruhe, aber auch Härte erzählt) das „innere Zuhause“ Schritt für Schritt sich erobern werden.

 

Eine sehr empfehlenswerte und hervorragend verfasste Lektüre.


M.Lehmann-Pape 2015