Kiepenheuer & Witsch 2016
Kiepenheuer & Witsch 2016

Jonathan Safran Foer – Hier bin ich

 

Fragilität der Beziehungen

 

Das ist, am Ende der Lektüre nach gut 680 Seiten das sich durchziehende Thema durch all die Ereignisse, die gefahrvollen wie die eher mit Humor zu betrachteten, welches Foer sprachlich mit breitem Wortschatz und in ganz eigenwilligen, aber immer den Punkt treffenden, Formulierungen und in nicht langsamen Tempo vorlegt.

 

Dabei gelingt es Foer ebenso, in Teilen, nüchtern, fast schmerhaft klar die Bruchstellen zwischen Menschen präzise und kühl zu benennen, wie er in anderen Teilen Szenen voll pointierter Ironie und mit trockenem Humor würzt (und es auch dort dennoch nicht versäumt, immer und immer wieder seine Wortkaskaden auf den Punkt zu bringen).

 

Und, mehr und mehr, von Beginn an bereits gesetzt, reizt er das Thema der Reibung zwischen dem sich frei entfaltendem Leben, in dem immer alles anders kommt, als man plant und dem Versuch der Beteiligten, das alles unter Kontrolle zu halten, in „Rituale“ zu gießen, aus.

 

Ob der Urgroßvater nun „Grenzlinien“ seines Lebens zieht und (zunächst) nicht eher sterben wollte, bevor sein Enkel geboren war und nun bereits das Sterben auf die „Bar Mizwah“ des Jungen verlegt hat (warum diese auch für Viele aus der Familie so wichtig ist), oder ob Julia und Jacob, Enkel des „Grenzen-ziehenden-Mannes“ ihre Ehe mit Ritualen versehen, beides kommt auf das gleiche heraus.

 

Die versprochene Sicherheit bieten diese Rituale nicht. Weder der „klassische Sabbat“ noch der „Zweier-Sabbat“, den das Ehepaar mit ganz eigenen Regeln setzt.

 

„Wie ein Universum, das die äußerste Ausdehnung erreicht und wieder auf die ursprüngliche Größe zusammenschrumpft“, so kommt es Jacob in der Ehe vor. Um dennoch sich dem nächsten privaten Ritual zu widmen und mit seiner Frau mit geschlossenen Augen nach dem Abendessen durch das Haus zu laufen. Warum auch immer, selbst die beiden Beteiligten wissen nicht mehr, wie sie mal drauf gekommen waren.

 

Doch es hilft alles nichts.

 

„Das Innere des Lebens wurde viel kleiner als das Äußere, und es Entstand ein Hohlraum, eine Leere“.

 

Und genau darum ist die Bar Mizwa des jüngsten Sohnes Sam so wichtig. Mit den vielen Verwandten auch aus großen Entfernungen, die eingeladen wurden. Mit dem Großvater, der auf jeden Fall bis dahin durchhalten will. Vor allem aber, neben diesen äußeren Gründen, ist es die innere Leere zwischen Jacob und Julia, die durch das Fest, die Vorbereitungen, die vielen kleinen und großen Dinge verdeckt werden kann in äußerer Geschäftigkeit.

 

Wobei dem Leser (und den beiden selbst) von Beginn an letztlich klar ist, dass sich das „Eigentliche des Lebens“ nicht unter der Decke halten lässt durch äußere Geschäftigkeit, die nur eine kurzfristige Flucht darstellt.

 

Denn das alles beginnt bereits zu Beginn zu bröckeln. Für Sam steht aufgrund eines „Zettel-Vergehens“ eine herbe Strafe der Schule im Raum, an der die Bar Mizwah scheitern könnte (auch hier, in ganz anderer Weise sich fast sprachlich derb nähernd, trifft Foer das „Innenleben“ der Pubertät so überzeugend genau, dass es nur weniger Sätze bedarf, um dem Leser das aktuelle, innere Ergehen Sams und anderer Jugendlicher zu verdeutlichen).

 

„Wir möchten das abhaken“, so bietet Julia dem Schulrektor an. „Wir wollen zurück zum Glück“.

 

Das aber wird, wenn überhaupt, ein weiter Weg werden mit sehr ungewissen Ausgang und unter Umständen ganz anders aussehen, als die beiden Eheleute es zu Anfang noch denken.

 

Denn die Fragilität des Lebens, die Zerbrechlichkeit der Beziehungen wird von Foer konsequent in den Raum gesetzt und vorangetrieben. Dass Grenzen für den Tod nicht durch Menschen zu ziehen sind, dass äußere Ereignisse in das Leben Einbrechen und, vielleicht, auch als willkommene Ausrede zur Flucht dienen. Und dass der inneren auch eine äußere Fragilität im Leben korrespondiert, die Foer „krachend“ in die Geschichte einbringen wird.

 

So klar, direkt, mit feiner Ironie und manchen Drehungen und Wendungen lässt Foer im Folgenden das Leben geschehen, Ereignisse wie Stolpersteine auf den Weg der Familie fallen und, vor allem, das „innere Rumoren“ immer lauter werden lassen, dass es für den Leser eine wahre Freude ist, dieser sehr, sehr dichten Ereignisfolge beizuwohnen. Hat man sich erst mal an den etwas gedrechselten, zunächst auch befremdlich wirkenden Sprachstil Foers gewöhnt.

 

Wobei ebenfalls im Verlauf deutlich wird, dass der Roman in der Mitte vor allem schon an Tempo ein stückweit verliert und manche Längen doch im Raum stehen. Und ebenso manche Parallelität zwischen innerem „Erbeben“ und äußeren Ereignissen etwas gezwungen wirkt.

 

Sprachlich hervorragend, die Personen bis in den Kern bloßlegend und mit hohem Tempo in den Entwicklungen ist das Buch eine zwar gewöhnungsbedürftige, am Ende aber überzeugende Lektüre. Und Lektion über das Leben, das sich Ritualen und Kontrollen immer zu entziehen wissen wird. Auf seine Weise.

 

 

M.Lehmann-Pape 2016