Knaus 2011
Knaus 2011

Jordi Soler – Das Bärenfest

 

Idealisierung und brutale Realität

 

„Einfacher wäre es vielleicht gewesen, Oriol hätte sich an seinen ursprünglichen Gedanken geklammert, schließlich wäre es nur normal gewesen, auf dieser Pritsche zu sterben, die immer wieder unter den Druckwellen der Bomben erzitterten.“

 

Vielleicht wäre es wirklich einfacher für Oriol gewesen, in Anbetracht der Umstände der Gefechte im spanischen Bürgerkrieg und seiner Flucht, die ihn Schritt für Schritt nur mühsam weiterbringt. Und besser für so manchen, dem er später  noch begegnet. Und besser für ihn in Anbetracht seiner weiteren Entwicklung. Andererseits wäre dann dieser stilsichere, spannende und in Teilen mitreißend-erschreckende Roman nicht geschrieben.

 

Denn besagter Oriol hat durchaus eine Geschichte, die es wert ist, erzählt zu werden, mit all ihren Abgründen. Und hat einiges zu tun mit Jordi Soler, der dem Buch als Ich-Erzähler seine Rahmung gibt und sicherich autobiographische Züge zumindest mit einfließen lässt. Großonkel Oriol, in der Familie als Held verehrt, in der Erinnerung idealisiert, seitdem er seinen Part im spanischen Bürgerkrieg wohl mit dem Leben auf der Flucht bezahlt hat. Zumindest ist dies die feste Überzeugung der Familie über die Jahrzehnte hinweg. Aber ob dem wirklich so ist? Beides betreffend, das Heldentum des Oriol und seinen Tod? Durchaus Zweifel stehen hier und da schon leise im Raum.

 

Bis der Großneffe Oriols (Soler als Ich-Erzähler), handfeste Indizien erhält, dass Oriol unter Umständen überlebt hat. Die Recherche des Großneffen ist es, die dem Buch seinen roten Faden nun gibt und die Zeiten des rohen, brutalen und menschenverachtenden Bürgerkrieges wieder aufleben lässt. Übrigens, dies vor allem setzt das Erschrecken über menschliche Abgründe im Buch bestens in Szene, nicht nur zwischen den Kriegsparteien (Revolutionäre da, Franco Truppen hier, Nationalsozialisten von der anderen Seite kommend), sondern gerade auch unter den Flüchtlingen der verschiedensten Motive her selbst. Untereinander werden Raub, Mord, Verrat und die Egozentrik eine wesentlich größere Rolle spielen als Solidarität und Hilfe auf der Flucht.

 

Eine menschliche Entwicklung unter extremen Bedingungen, aber nicht alleine auf diese äußeren Bedingungen  zurückzuführen, die Soler erschreckend realistisch und nachvollziehbar schildert, eine Entwicklung, der auch das idealisierte Bild des „Helden des Widerstands“, Oriol, auf Dauer nicht standhalten wird. Recherchen, denen der Großneffe sich stellt. Nicht mit Begeisterung, eher mit „eigener, innerer Krankheit“ im Zuge all dessen, was er über den Großonkel erfährt.

Eine Aufdeckung menschlicher Abgründe, die dann Im Buch im „Bärenfest“ kulminiert, mit einem ganz besonderen „Bären“, der da zum Tanz (mehr ein Taumeln) gebracht wird, begleitet von Mienen, die „wie versteinert“ dem grausamen Fest seinen Fortgang ermöglichen. Ein „Bärenfest“, das dem Ich-Erzähler ganz zum Schluss in einer Weise die Augen öffnen wird, die ihn wohl nicht mehr loslassen wird.

 

Der Roman liest sich in seinem solchen Tempo und ist sprachlich so präzise und geschliffen dargelegt, dass es schwer fällt, Lesepausen einzulegen. Bis auf den (erschreckenden) Kern legt Jordi Soler jenes Innere des Menschen präzise dar, vor dem es einen letztlich nur schütteln kann. In einer bildkräftigen Sprache, die sich noch lang einprägen wird.

 

M.Lehmann-Pape