A1 Verlag 2011
A1 Verlag 2011

José Eduardo Agualusa – Barroco Tropical

 

Angola und das Leben

 

Barock ist dieser Roman von José Eduardo Agualusa tatsächlich. Opulent, nicht nur wegen der Engel, die gegen Ende des Buches auftauchen werden (aber letztlich doch wenig mit den pausbäckigen Barockputten zu tun haben werden).

 

Barock ist das Leben auf der feudalen Seite Angolas, durchaus in der Gegenwart, auch wenn Agualusa die Geschehnisse seines Romans um einige Jahre in die Zukunft verlegt. Die gesellschaftlichen Zustände einer kleinen, reichen, feudalistisch lebenden und herrschenden Schicht sind durchaus gegenwärtige Realität. Mitsamt allen Begleiterscheinungen der Korruption und der grenzenlosen Härte, wenn es um die Erhaltung der eigenen Macht geht. Fast wie ein Spiegelbild zur aktuellen Lage in Libyen wirkt es, was Agualusa farbenprächtig zu Papier bringt. Barock sind ebenfalls die Figuren, denen er sich mit echter Hingabe widmet.

 

Sei es Bartolomeu Falcato, eigentlich glücklich verheirateter und erfolgreicher Schriftsteller in Angola, der dennoch (barock eben) dem Genuss des Lebens frönt, vornehmlich mit seiner Geliebten, Kianda, angolanische Jazz Sängerin von Weltruf. Eine Leben umgeben vom alltäglichen Balanceakt zwischen Wolllust, Angst, Genuss und Gewalt. Was Bartolomeu erst erkennt, als er in die Mühlen eines Zwischenfalls gerät. Eine Frau fällt ihm in einem Gewitter vom Himmel her vor die Füße. Anzunehmen, dass in einem nicht mystisch-magischen Roman die Frau aus einem Flugzeug gestürzt wurde. Warum aber und warum gerade Sie, die einige Tage zuvor (ebenfalls in einem Flugzeug), Bartolomeu zum Beischlaf anregen wollte?

 

Bevor aber für den Leser sich die eigentliche Geschichte weiterentwickelt, entfaltet Agualusa (barock eben) ein farbenprächtiges und überbordendes Kaleidoskop von Figuren und Lebensumständen wie in einem Wasserfall von Sprache. Erzählt Teile der Lebensgeschichte des Schriftstellers Falcato, lässt seine Geliebte zu Wort kommen, die gerade bei seiner Frau, einer Psychologin, innerhalb einer Therapie ihre Verhältnis zu Falcato ausgiebig beleuchtet (mit Folgen für diesen, denn umgehend trennt sich seine Frau zunächst von ihm). Zudem aber führt Agualusa eine Figur nach der anderen ein, Lebenskünstler, Gescheiterte, Erfolgreiche in teils merkwürdigen Umständen (wer lebt schon in einem Aufzug?), bevor er im zweiten Teil des Buches dann die Verhältnisse in Angola und den eigentlich roten Faden der getöteten Frau wieder aufnimmt.

 

In diesem fast überladenen Blick auf die diversen Figuren des Romans zeigen sich einerseits die großen Stärken, aber auch die Schwächen des Buches auf. Sprachlich hoch versiert, bildhaft auf den Punkt bringend und dennoch immer nah an den Figuren entsteht ein Bild von vielen Figuren, die alle in der ein oder andern Form ihren Teil zur Geschichte beitragen werden. In Teilen aber ist dies einfach zuviel und verwirrt an manchen Orten des Buches viel mehr, als dass es die Konzentration des Lesers fördert. Die Sortierung der Figuren fällt im ersten Anlauf schwer und macht, trotz der wunderbaren Sprache, durchaus Mühe. Den Anfang der Geschichte verliert man immer wieder ob der vielen Impulse, die Agualusa überschäumend setzt, aus dem Blick.

 

Gut, das sich dieses Dickicht im zweiten Teil des Buches zumindest ein wenig lichtet, mehr und mehr die harte Realität des afrikanischen Landes in den Blick tritt und auch klarer und deutlicher wird, was an Hintergründen des Todesfalles im Raume steht. Schonungslose Hintergründe, die Agualusa Seite für Seite aus seinem umfassenden  Figurengemälde heraustreten lässt.

Es lohnt sich also, auch die mühsamen Teile dieses Buches gründlich zu lesen, um später die Gesamtkomposition der Geschichte in all ihrer Kleinteiligkeit erkennen zu können (und danach noch besser zu verstehen, welch menschenunwürdige Zustände in diesem Land Angola und vielfach auf der Welt herrschen, damit es einigen wenigen am barocken Leben nicht mangelt).

 

M.Lehmann-Pape 2011