S.Fischer 2015
S.Fischer 2015

Joseph O´Connor – Die wilde Ballade vom lauten Leben

 

Tief. Authentisch. Wunderbar

 

Robert Goulding ist auf einer unteren Ebene seines Lebens nicht unglücklich. Würde er sagen. Zumindest stabil.

 

Trockener Alkoholiker, geschiedener Ehemann, ein Vater mit zumindest weitreichendem Besuchsrecht. Ziemlich pleite. Steuerliche Sachen. Fehlinvestitionen.

Er lebt auf einem Hausboot und hat dort eine Art Frieden in der Nachbarschaft gefunden. Auch wenn es ihn hart ankommt, die alte Telecaster, die letzte seiner Gitarren, versetzen zu müssen für einen Bruchteil ihres eigentlichen Wertes.

 

Aber das ist ja alles egal. Mit der Musik hat er gebrochen. Noch nicht einmal das Radio wird eingeschaltet.

 

Üble Erinnerungen. Vor allem Schmerz verbindet sich mit der Welt der Musik. Mit seinen alten Gitarren, den Zeitungsausschnitten. Er war der Gitarrist der „Ships“. Ganz oben und doch, wie er meinte, nur der Mann im Hintergrund. Neben dem hervorragenden Drummer, der ätherischen Schönheit an der Violine und dem Bass und dem Star der Gruppe, Fran. Einst sein bester Freund, ein individueller Mensch, ein Provokateur mit Lippenstift und Frauenkleidern hier und da. Einer, der immer noch hell am Firmament des Rock-Himmels leuchtet.

 

Aber nicht mehr an Roberts Firmament. Sein eins bester Freund, seine zweite Seite der einen Medaille, sein kongenialer, musikalischer Partner, mit dem er monatelang den Pferdeanhänger und die besetzte Wohnung in New York als Schlafplatz und kreativen Lebensort geteilt hat, hat ihn brachial aus seinem Leben gestoßen.

 

Ein Leben, das seit 25 Jahren seinen wechselhaften Gang nimmt, lange Zeit vom Alkohol bestimmt war, in dem Robert vieles an Wertvollem verloren hat, selbst der Funken, die Flamme der Liebe zur Musik.

 

Ein Leben, in dem seine Mutter elend starb, ein Leben, in dem Robert wenig Sinn und noch weniger Gerechtigkeit erkennt.

 

Und doch ein Leben, das erzählenswert ist. Was Robert in Rückblenden vollzieht.

 

Filigran geschrieben, mit einem meisterlichen Umgang mit den Personen und, vor allem anderen, der Atmosphäre „echter“ Musik. Der Bedeutung des „Songs“ für die Welt (Oh nein, nie würde Robert sich „Dichter“ nennen, wie es manche Intellektuelle tun. Was ist ein Dichter schon gegen einen echten Songwriter, der die Herzen erreicht, die Welt verändert, den Himmel naherücken lässt?).

 

Aber so ganz wird ihn die Vergangenheit nicht loslassen. Tez, die Bassistin der Band, seine wirklich, echte, große, reine Liebe, eine Liebe, die im Kern der Musik und dem einander erkennen ohne die Lasten von erotischen Begleiterscheinungen beruht, die für das Leben „einander am Herzen liegt“ ohne einen gemeinsamen (Ehe-) Alltag damit zu meinen, diese Liebe zeigt sich wieder und wieder an den tiefen Punkten in Roberts Leben. Und setzt ihm einen Floh ins Ohr. Etwas, wovor er tief innen zurückscheut. Und er ist ja ein „Verpisser“, einer der gerne flieht, selbst wenn draußen ein paar tausend Leute auf seinen Auftritt warten, wenn es eng wird. Auch diesmal?

 

Eine „Rock-Geschichte“, die nur einen Teil dieses unglaublich lebensecht und liebevoll zusammengestellten Puzzles einer fiktiven Bandgeschichte ist.

 

Die vom Beginn an, vom Leben im Sperrmüll mit nur wenigen Gigs angefangen erzählt, die Personen intensiv vorstellt, die vielen Schwankungen, Trennungen, Pausen miteinander, die inneren Entwicklungen in der Tiefe begleitet. Eine Art des Erzählens, in welcher O´Conner die immense Kraft der Musik, ihren Kern immer wieder vor Augen führt, fühlbar mit dem kleinen Ska-Schlag auf der Snare dem Leser nahebringt.

 

Und eine Geschichte, die den Kern aller modernen, echten Rockmusik auf den Punkt bringt. Nicht die Inhalte der Songs, sondern die „Gang“, die „Bande“ die dahinter steht. Das Ereignis, mit anderen Menschen echte Musik zu machen und sich dabei auf einer Ebene miteinander zu verbinden, die nur die Musik zu erreichen vermag.

 

Letztendlich schreibt O´Connor eine Elegie der Freundschaft, der intensiven Emotionen, die weit über „klassische“ oder erotische Dimensionen hinausgeht (auch wenn das ein oder andere „Funkeln“ stattfinden wird).

 

Das eigentliche, was O´Connnor aber zum Funkeln bringt ist die Verbindung zueinander, die universellen Weiten, welche die Musik öffnen kann und der harte, rotzige, offene E7 Akkord der tiefhängenden Stratocaster, in sich das gesamte Leben widerspiegelt.

 

Ein bewegendes, sprachlich wunderbares, psychologisch tiefreichendes, emotional berührendes Buch über die Liebe in echter Freundschaft und über die Musik, wie sie „hinter der Bühne“ beginnt, ´Welten zu bewegen.

 

Ein Buch wie eine Ballade, auch wenn der Sound hier und da die Ohren wegfliegen läßt. In dem aus jeder Pore Wissen, Verständnis und Liebe zur modernen Musik sich dem Leser vermittelt.

 

M.Lehmann-Pape 2015