S.Fischer 2012
S.Fischer 2012

Joseph O´Connor - Irrlicht

 

Liebe, die das Leben prägt

 

Sensible Poetik, das liegt in der Familie O´Connor wohl von Natur aus im Raum. Sei es Sinead O´Conner mit ihren fast ätherischen Liedinterpretationen zu ihrer Zeit, sei es nun Joseph O´Connor als Romancier gerade mit diesem Buch.

 

Sanft, sensibel, empathisch, mit vielen feingewebten Bildern, versteht er es, die Zeit Anfang des 20. Jahrhunderts in ihrer Atmosphäre zu erfassen, im besonderen die Dichter jener Tage, die Theaterwelt, die hohen kulturellen Einfluss besaß und durchaus noch für Skandale sorgen konnte. Mit Stücken, wie John Synge, der irische Dichter es tat, aber auch mit privaten „Eskapaden“, wie es der um 15 Jahre ältere Synge durch seine Affäre mit der Schauspielerin Molly Allgood in den Raum der Zeit setzte. Wenn auch nicht ganz richtig und ganz wirklich, denn völlig gab er sich (zumindest äußerlich) nicht hin, Distanz bestand durchaus, nicht durch seine durchaus intensive  Persönlichkeit, auch durch die Ablehnung seiner Familie der Liaison gegenüber scheint der rebellische Dichter hier und da zurückgeschreckt zu sein.

 

Und doch, eine Liebe steht im Raum, die das Leben prägt. Weniger  John Synges, den dieser starb früh, wohl aber Mollys, die trotz zweier Ehen, eigener Kinder und Enkelkinder bis ins Jahr 1952 noch (dort spielt die zweite Handlung des Romans) innerlich dem Dichter intensiv verbunden ist, diesem Gefühl, dieser Intensität, dieser Nähe.

 

Ist es so, dass die Handlung in der Vergangenheit nicht unbedingt heutzutage als weltbewegend wahrgenommen werden kann (weder Stücke noch Liaison würden für Aufregung sorgen und eine gewisse Dramatisierung der Affäre steht durchaus auch im Buch im Raum), so dass hier keine allzu große Spannung sich aufbaut, gelingt es O´Conner vor allem in der Person der Molly eine mitreißende Dichte anzulegen. Wie die alte Dame verarmt, dem Alkohol verfallen, in einer ruinösen Absteige lebend, dennoch immer wieder im Gespräch mit sich und den wenigen Kontakten zur Außenwelt versucht, Haltung zu bewahren. Wie sie mit schauspielerischer Kraft dem Hunger, dem Mitleid, aber auch den harten Anfragen mancher Polizisten entgegen geht, das berührt sehr.

 

Diese intensive Schilderung von Situation und Person mit eindringlicher und poetischer Sprache, dieser ständige innere Dialog Mollys mit ihrer so früh verstorbenen großen Liebe (John Synge ist immer wie ein Schemen anwesend, mischt sich ein), verbunden mit der ebenso ständigen Reflektion der alten Frau über sich selbst, über ihren Niedergang, über kleinste Hoffnungen im Alltag (vom Leergut sammeln bis zu kleinen Geschenken eines mitleidigen Gastwirts), diese Reibung zwischen Haltung und Wirklichkeit, das gestaltet O`Connor fast schmerzlich körperlich spürbar.

Und in dieser Nähe zu seiner Protagonistin wird dann doch noch die eigentliche Kraft innerer Verbindung und der Liebe überdeutlich.

 

Manche Texte, Verweise auf Stücke, andere irische Dichter und deren Ergehen ergänzen den Kern der Geschichte im Buch und lassen ein um das andere Mal zum Schmerz der Liebe noch ein Stück irische Wehmut durch die Seiten des Buches geistern.

 

Trotz der wenig mitreißenden äußeren Geschichte von Molly und John ist „Irrlicht“ ein stilistisch gelungenes, sprachlich eindrucksvolles und den Leser emotional eng vor allem an die Hauptperson bindendes Buch, dass die Höhen und Tiefen des Lebens und der Liebe greifbar gerade im Rückblick auf das gelebte Leben vor Augen stellt.

 

M.Lehmann-Pape 2012