Goldmann 2012
Goldmann 2012

Joyce Maynard – Das Leben einer anderen

 

Zwei Leben

 

Wirklich befreundet waren die beiden Ehepaare nie. Die einzige Verbindung (außer, das beide in der gleichen, kleinen Stadt damals lebten) bestand, letztendlich, darin, dass am gleichen Tag sowohl in der Familie von Edwin Plank und seiner Frau Connie als auch bei George und Valerie Dickinson am gleichem Tag, dem 4. Juli 1950, je ein Mädchen geboren wurde. Ruth Plank und Dana Dickinson sind das, was Ruths Mutter Connie „Geburtsschwestern“ nennt.

 

Gezeugt während eines Hurrikans (oder kurz darauf). Die seit Jahrhunderten vor Ort sesshafte Familie Plank und die unstet durch das Leben und die Ortschaften ziehende Familie Dickinson halten losen Kontakt. Wobei Ruth viel weniger an ihrer „Geburtsschwester“ interessiert ist, sehr aber an deren Bruder, dem Inbegriff der Attraktivität, später, als Ruth zum Mädchen und zur jungen Frau wird.

 

In der Schilderung der Geschichte durch die Augen der beiden Mädchen aus wechselnder Perspektive geht Joyce Maynard ihren Protagonisten auf den Grund und erzählt ganz nebenbei (manchmal sehr intensiv, was Dürrezeiten angeht, manchmal nur ganz am Rande, was den Mord an Kennedy angeht) zudem ein stückweit die amerikanische Zeitgeschichte und das Lebensgefühl jener Jahre nach. Vom amerikanischen Traum, von dem George, Danas Vater, beseelt ist (mit unguten Folgen für die Familie) bis zum geerdeten und stetigem Farmer, der sein Überleben sichern will, von Woodstock und den Hippies bis zur homosexuellen Liebe, viele Motive legt Joyce Maynard durchaus temporeich, flüssig geschrieben und mit dem Blick für die Differenzierungen in ihren Hauptcharakteren im Buch vor.

 

Allerdings, das im Klappentext angekündigte „lange gehütete Geheimnis“, das beide Familie und beide Töchter verbindet und welches ganz am Ende des Buches endgültig aufgelöst wird, ist für den geübten letztlich schon früh im Buch kein wirkliches Geheimnis mehr. Jede nähere Schilderung der beiden Hauptpersonen oder so mancher Ereignisse würde dieses umgehend auch hier schon offen legen.

 

Aus dem „Geheimnis“ bezieht das Buch seine Spannungskurve somit nicht.

Durchaus aber anregend zu lesen ist es, wie sich die beiden Mädchen entwickeln, wie sich die Lebenszyklen darstellen, wie Liebe gefunden, aufs Spiel gesetzt, verloren wird und sich beide, letztlich, in eine Lebensform einfinden, die vielleicht nicht die ganz großen Erfüllungen in sich trägt, in denen die ganz großen Pläne und Leidenschaften teilweise auch dramatisch scheitern und wie auf diesen Wegen die amerikanische Geschichte einer Generation unterhaltsam vor Augen geführt wird, an vielen Stellen allerdings ohne allzu sehr in die Tiefe vorzudringen.

 

„Das Leben einer anderen“ ist kein unbedingt literarisch großer Wurf, wohl aber ein gut geschriebener, flüssig erzählter Unterhaltungsroman über das Leben selbst, über Hoffnungen und Enttäuschungen, Dramen und Distanzen, Liebe, Kraft und Ausdauervermögen.

 

M.Lehmann-Pape 2012