Goldmann 2011
Goldmann 2011

Joyce Maynard – Der Duft des Sommers

 

Ein Kammerspiel von Selbstfindung und Liebe

 

Drei Personen sendet Joyce Maynard in ihrem neuen Roman auf eine gemeinsame innere Reise. Örtlich in einem Haus, zeitlich an einem Sommerwochenende. Auf diesem engen Raum, in dieser gedrängten Zeitspanne allerdings gelingt es ihr, die wesentlichen und existentiellen Themen des Lebens der drei Personen (und natürlich über diese hinaus)  in einer wunderbaren und intensiven Sprache fast spielerisch fließen zu lassen.

 

Henry, 13 Jahre alt, Sohn von Adele. Sein Vater hat die Familie verlassen und eine neue Familie gegründet, womit Henry allein mit seiner Mutter in einem kleinen Haus lebt. Zu einer Zeit, in der er sich gerade sehr intensiv für alles interessiert, was mit Frauen und deren Körper zu tun hat. Ein Junge, der schon früh seine Muter schützte, der einerseits das erwachende Leben spürt, andererseits aber in Adele eine Mutter an der Seite findet, die ihr Leben weitestgehend aufgegeben hat, sich ganz auf sich selbst und auf ihre vier Wände zurückzieht.

 

Adele, für einige Jahre glücklich mit ihrem Mann, einem, der wirklich fest und sicher Führen konnte beim Tanzen, mit dem Sie Abend für Abend auf dem Parkett schwebte, ein Glück, dass mit der Geburt Henrys für Adele perfekt wirkte. Bis der Mann ging. Sie gibt es nicht zu, aber sie ist aus dem Tritt geraten und findet nicht mehr hinein, in den Tanz des Lebens. Auch Henry hat es aufgegeben. „Eine Weile habe ich noch versucht, sie aus dem Haus zu locken“, keiner seiner Versuche aber fruchtete. Wohl, denkt er sich, hat seine Mutter seinen Vater „zu sehr geliebt“.

 

Frank. Verurteilter Gewaltverbrecher. Mörder. Auf der Flucht. Was sich für Adele und Henry erst später herausstellen wird. Auf einem der seltenen Ausflüge von Mutter und Sohn in ein Einkaufszentrum begegnet Frank den beiden, spricht zunächst Henry an, sucht einen Unterschlupf und wird tatsächlich mit nach Hause genommen von Adele.

 

Und dort beginnt eine intensive, emotionale Reise für alle drei. Adele, die aufblüht. Henry, der beginnt, die Fäden des Lebens miteinander in Verbindung zu setzen und Frank, der andeutet, dass der einfache Begriff „Mord“ noch lange nicht alles beinhaltet, was in seinem Leben wirklich passiert ist. Dass dies nicht die ganze Geschichte ist. Die aber im Lauf der Tage in der zunehmend intimer werden Nähe der drei Personen, zu Tage treten wird.

 

„Wie meine Mutter auf irgendetwas reagieren würde, konnte man nie vorhersagen“. Doch nun tritt das Leben in Person von Frank wieder eindeutig in ihr Leben und der Weg nimmt eindeutige Formen an. Liebe ist eben die Schlüsselkraft des Lebens, positiv wie negativ.

 

Mit großer Sprachkraft in doch ganz einfachen Sätzen rückt Joyce Maynard die Erlebniswelt dieser drei Personen in den Blick. Szenen, in denen sie beschreibt, wie sanft und doch bestimmt Frank Adele mit Seidentüchern fesselt „um den Anschein zu wahren“, kleine Blicke, die Maynard auf die errötenden Wangen der Frau lenkt, Beschreibungen von Augen, Handbewegungen, die kurzen, einprägsamen Dialoge, in denen nicht monologisiert wird, aber immer das Wesentliche gesagt wird, geben diesem Kammerspiel das, was ein Kammerspiel in seinen besten Möglichkeiten ausreizt: Einen direkten und intensiven Einblick in die Emotionen und Entwicklungen der Figuren.

 

„Der Duft des Sommers“ ist ein Liebesroman der tiefschürfenden Art, ohne Kitsch oder Glamour steht nur die Essenz der Begegnung im Raum. Oder, wie der später erwachsene Henry es ausdrückt zum Ende des Buches hin: „Und ich habe die Erfahrung gemacht, dass es sich auf jeden Menschen positiv auswirkt, wenn man ruhig und aufmerksam ist und den schlichten Impulsen der Liebe folgt.“ Eine wunderbare Zusammenfassung dessen, was Maynard mit dem Buch umsetzt.

 

M.Lehmann-Pape 2011