S.Fischer 2016
S.Fischer 2016

Judith Hermann – Letti Park

 

Eindringliche Sprachbilder

 

Durchaus poetisch kann man die Prosa von Judith Hermann nennen, voller ruhiger, oft hintergründig wirkender Bilder, die feine und leichte, zugleich aber wichtige Emotionen transportieren und, wo es nötig ist, auch direkt und klar tiefreichende Gefühle zum Ausdruck zu verbringen mögen.

 

Das in den vielen kurzen Geschichten des Buches nicht immer die Vorgeschichte der konkret geschilderten Szene mitgeteilt wird, dass das Ende der Erzählungen immer auch offen, ein stückweit gar nebulös verbleiben, das mag zu Beginn bei der Lektüre irritieren, dient aber letztlich nur der Konzentration auf das Eigentliche, um das es Hermann in diesem Erzählband geht.

 

Um die „Begegnung“, um das, wie Menschen einander nahekommen oder sich entfernen, wo die Schnittpunkte, auch die kaum in Worte fassbaren, sind, die Menschen miteinander teilen.

 

Wie in „Fetisch“, an einem unwirklichen Ort spielend, jene Frau, die am kleinen Feuer sitzt und gar nicht wirklich dem Leser verdeutlichen kann, was denn genau sie an ihren Begleiter, der völlige Freiheit sich nimmt, bindet. Vielleicht aber ist dies das gleiche, dass sie schaudern lässt beim Gedanken, der Besitzer des Geländes könnte sich ihr nähern und zu ihr setzen. Etwas nicht wollen, aber dies nicht ausdrücken, sich nicht verwehren können, das ist das eine Thema. Und vielleicht auch die Verbindung zum Titel, denn ein anderer „Fetisch“ konkret taucht nicht auf, auf den wenigen, eindrücklichen Seiten.

 

Und es doch können, sich verweigern. Bei einem kleinen Jungen mit ernstem Blick, dem sie auf ihre Art ein Opfer abverlangt, am Ende aber leer und wie verdunstet wirkend am beginnenden Tag dort hocken bleibt.

 

Oder Rose, die als erwachsene Frau eine Freundin, Bekannte, Liebeskonkurrentin, Vorbild, Lebe-Frau aus der Jugend trifft. Einfach so, an der Kasse im Supermarkt. Und diese als „Erloschen“ wahrnimmt. Als eine Art „Besitz“ ihres männlichen Begleiters. Jene Frau, die ein Herz damals gebrochen hat, das Rose auch gerne für sich besessen hätte, später. Der junge Mann, der alles getan hat, der ein Album des „Letti-Park“ erstellt hat und der doch einfach aussortiert wurde.

 

Und für was? Dafür, dass das Leben Jahre später gar nicht mehr glimmt? Oder vielleicht dafür, dass Rose einen Funken wieder ins ich spürt (denn auch ihr Leben, so kann man das Verhalten ihres männlichen Begleiters deuten), ist ja nicht viel anders. Sie rafft sich auf, sie will dazwischen gehen, ansprechen, Wiedererkennen hervorrufen und bleibt doch wie gelähmt.

 

Bedeutsame, prägende Beziehungen, die erst im Nachhinein in ihrer wirklichen Kraft wahrgenommen werden und die Unfähigkeit, einfach zu tun, einfach die Gegenwart abzuschütteln, mit einem wie ein Echo verhallenden Ende.

 

Das ist sprachlich auf den Punkt getroffen, da sitzt jeder Satz, jedes Bild, jeder Blick ins Innere der Personen. Und wird vor allem dafür benutzt, den Leser auf Unbewusstes, eigenes durch das Streifen von Gefühlen hinzuweisen. Worauf man allerdings bereit sein muss, sich in dieser besonderen Form der Kurzgeschichten einzulassen.

 

 

Eine sehr empfehlenswerte Lektüre.

 

M.Lehmann-Pape 2016