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Judith Zander – Dinge, die wir heute sagten

 

Chor der stillen Stimmen

 

Das Judith Zanders Wurzeln in der Poesie gründen, das merkt man diesem Buch bereits auf den ersten Seiten ab. Sprach- und bildgewaltig sie den Leser hinein in die kleine, überschaubare Welt des Dorfes Breskow in Brandenburg, führt mitten hinein in die Köpfe der Bewohner, die zwar nach außen eher herb und schweigsam wirken, die aber in fast überbordender Form nach innen sprechen. Eine Sprache der Innenschau, die Judith Zander in von Beginn an dichter Atmosphäre sprachlich schärft und in einer Art und Weise zu gestalten weiß, dass auch der Leser sich mit hineinbegibt in diesen Chor der stillen Stimmen.

 

Nur aus der Perspektive vieler Protagonisten heraus erzählt Judith Zander ihre Geschichte in vielen, vielen Kapiteln, die je mit dem Namen jener Person überschrieben sind, die sich gerade zu Wort meldet. Eine Vielzahl von Puzzlestücken rein persönlicher Betrachtungen und Selbstgesprächen liegen so im Buch vor, die erst allmählich beim Zusammensetzen und inneren Sortieren durch die dicht beschriebenen Seiten hindurch den roten Faden verdeutlichen, der im Buch vorhanden ist. Neben einem intensiven Sittenbild dörflicher Gemeinschaft auch heutzutage noch, neben einem Blick auf die Jugend, die in dieser äußerlich doch häufig trostlos erscheinenden Welt ihren Weg versucht, zu finden im Umfeld enger äußerer und innerer Lebensräume.

 

Anna Hanske ist gestorben. Urgestein des Dorfes, die einen Säugling bei sich aufnahm in den Wirren der letzten Kriegstage, die von ihrem Mann Theo später verlassen wurde (nachdem beide in Ingrid eine gemeinsame Tochter auf die Welt brachten).  Die selbstbewusst der dörflichen Gemeinschaft, gerade jenen ihrer Generation, die Stirn bot, wohlwissend, was hinter manch schweigsamen oder gar freundlichen Fassaden ihr gegenüber wirklich gedacht wurde. Eine Art, hinter den Fassaden zu denken, die bis zum gegenwärtigen Tag das alltägliche Leben bestimmt im Dorf und die durch die Zeit der DDR als Haltung der indirekten Sprache noch vertieft wurde. Eine Art, die erst allmählich darauf schließen lässt, dass irgendetwas Konkretes auch vorgefallen sein muss unter den alten Bewohnern, etwas, dass die Beziehungen geprägt hat, über das aber tunlichst geschwiegen wird.

 

Ingrid, die dem Ort und der DDR bei einem Westaufenthalt den Rücken kehrte, mit einem Iren verheiratet ist, trifft zur Beerdigung mit ihrem Mann Michael und Sohn Paul in ihrer alten Heimat ein. Aber heimatliche Gefühle? Sie spürt sie nicht, im Gegenteil, die Zeit heilt nicht alle Wunden, sondern reißt ohne weiteres alte Wunden wieder auf. Gerade dann, wenn die alten Verbindungen und Verletzungen wieder zu Tage treten. In all den Stimmen des Buches treten mit der Zeit nämlich jene hervor und heraus, die aufzeigen, dass es einiges an Verbindungen, aber auch Geheimnissen unter manchen der Dorfbewohner gab (und gibt).

 

Bis dahin aber ist es ein langsamer Wege, den Judith Zander Seite für Seite, Impuls für Impuls, abschreitet, ein Weg, der erst spät die eigentlichen Verbindungen und Vernetzungen unter den Protagonisten eröffnet. Ein Weg, auf dem das Gefangensein in sich selbst, das nicht überwinden können der eigenen Begrenzungen oft und oft anklingt und selbst jene Figuren des Buches, denen andere Wege, anderes Denken möglich wäre, mit in den Strudel des Tellerrandes der überschaubaren Gemeinschaft mit hineinzieht.

Und wie offenkundig und einfach der Weg ist, immer mit dem inneren Finger auf den oder die anderen zu zeigen, selten ist die innere Überheblichkeit des Durschnitts so deutlich und präzise benannt worden, wie es Judith Zander gelingt.

 

 

Sprachlich ungemein überzeugend, jeder Satz, jede Andeutung wohlgesetzt und präzise die Stimmung und die Gefühlslage des je Sprechenden treffend, legt Judith Zander einen vielschichtigen Bewusstseins Roman vor, der über die Grenzen des kleinen Dorfes Breskow hinaus reicht und seinen Widerhall überall dort findet, wo Menschen nicht bereit sind, über sich hinauszugehen und zudem andere versuchen, mit Macht an solchen Weiterentwicklungen zu hindern. Ebenso anregend in der Form, die Judith Zander für die Darstellung ihrer Geschichte aus der Sicht vielfacher Protagonisten gewählt hat. Ein echtes Leseerlebnis.

 

M.Lehmann-Pape 2010