Hanser 2018
Hanser 2018

Julia von Lucadou – Die Hochhausspringerin

 

Intensive Geschichte mit Tiefgang

 

Vordergrund und Hintergrund des ersten Romans von Julia von Lucadou passen hervorragend zusammen und ergänzen sich perfekt.

 

Denn sowohl die Geschichte um die „Hochhausspringerin“ (die beherrschende Sportart der nahen Zukunft, in welcher der Roman spielt) Riva, als auch das Duett mit ihrer „psychologischen Betreuung zur Optimierung“ als auch die stetig mitschwingende Reflexion der Antriebskräfte der gegenwärtigen Gesellschaften (besser, weiter, höher, aktiver, optimierter), als auch die mehr und mehr umfassenden Kräfte der „Datensammlung und -Auswertung“ werden im Roman in ruhigem und flüssigem Ton im Blick behalten.

 

„Stellen sie sich das Gefühl vor, dass die Frau erleben muss, das Fallen in die Tiefe im unerschütterlichen Vertrauen, dass sie wieder auffliegen werden“.

 

Ist das nicht das Ideal der aktuellen Werte? Von sich selbst überzeugt, durch Fitness-Tracker, strukturierten Tagesablauf, Achtsamkeit und Meditation alles dafür zu tun, um „aufzusteigen“) So wie die behandelnde Wirtschaftspsychologin im Roman mit allen Sinnen auf ihr „Standing“ der internen „Rangliste“ achtet, in der alle erfolgreichen Gespräche und Tätigkeiten die Kurve nach oben bringen (und damit Beförderungen verheißen) und alle „Ausrutscher“ dementsprechend die Chancen mindern?

 

Bei einem Chef, der ständig seine Kreislaufwerte im Blick behält und das durchgehende „sich Optimieren“ perfektioniert hat?

 

Wie überhaupt die ganze Welt, die der Roman dem Leser eröffnet, durchgetaktet ist. Von der Kunst (Rivas Lebensgefährte) über das Wohnen (vom Credit-Level abhängig) bis zur Liebe, die durch Algorithmen immer wieder wohl perfekt passende Partner für ein erstes Treffen vorschlägt.

 

Nur, dass Riva, Star der Sportszene, perfekt körperlich in ihrem Flight-Suit verpackt, irgendwie und einfach nicht mehr will. Warum genau auch immer.

Was „denen“ (das dauert etwas, bevor klar wird, wer „die“ eigentlich sind, die die Behandlung für Riva in Auftrag gegeben haben) überhaupt nicht zusagt und alle Kräfte in Bewegung gesetzt werden, die „perfekte Frau“ wieder an den Start zu bringen.

 

Doch, auch das überzeugend gelöst im Roman, es dauert nicht lange, und dann wird deutlich, dass das, was „krank“ sein soll, eigentlich das „gesunde“ ist, dass sich der „perfekten Überwachung“ Entziehende, während all jene „maßgeschneiderten“ Leben von Beginn an hohl, rein äußerlich im Raum stehen.

 

Während die große Masse der Bewohner der Metropole (eines in sich geschlossenen gesellschaftlichen Biotops) sich klaglos, mit Kraft und Ehrgeiz, dem sozialen Aufstieg hingeben und zuwenden, lückenlos überwacht von Trackern, Kameras, Tablets, Mikrofonen.

 

Was im Übrigen bereits nach der Geburt beginnt, denn den „Bioeltern“ wird natürlich die Erziehung zu bald bestmöglich funktionierenden Personen nicht überlassen. Staatliche Heime sorgen für die prägenden Grundlagen und Haltungen der Heranwachsenden.

 

Ganz hervorragend stellt von Locadou die Gegenwart konsequent zu Ende gedacht im Roman vor Augen und hinterfragt ein um das andere Mal, allein durch das Erzählen ihrer Geschichte, ohne moralischen Zeigefinger oder ellenlange Erklärungen, die Ausrichtung, die in den letzten Jahren immer schneller und breiter in den Lebensraum der Moderne getreten ist.

 

Optimal sein, für wen und warum? Alle Eigenheiten und Ausfälle an der „Garderobe des Lebens“ abgeben für ein (schickes) Leben „mitten drin“ unter ständigem Druck und umfassender Beobachtung. Kein Wunder, dass Riva (auch aufgrund eines augenöffnenden Erlebnisses) sich versucht, dem zu entziehen, eher ein Wunder, dass der große Rest ausschließlich ängstlich auf den eigenen „Stellenwert“ achtet.

 

 

Eine überaus empfehlenswerte, flüssig und unterhaltsam, in Teilen durchaus auch spannend verfasste Lektüre, die der Gegenwart unaufdringlich und eindringlich einen Spiegel vorhält.

 

M.Lehmann-Pape 2018