Aufbauverlag 2016
Aufbauverlag 2016

Julia Zange – Realitätsgewitter

 

Generationenroman

 

„Ich wünschte, ich könnte mich selbst in die Hand nehmen und zerschmettern. Und dann erlöst aus dem eigenen Scherbenhaufen wieder heraustreten…Ich gehe wie ein kleiner Roboter nach Hause. Dort schneide ich eine dünne Linie in meinen Unterarm. Mein Atem kommt zurück“.

 

Dabei ist Marla keine klassische Borderline-Persönlichkeit, nicht unrettbar tief depressiv, sondern lebt einfach ein Leben als junger Mensch in Berlin zu unserer Zeit. Und möchte einfach „gesehen“, wahrgenommen, angefasst, gemocht, geliebt werden.

Aber das moderne Leben, das kann, wie Julia Zange ein- um das andere Mal wunderbar kühl-melancholisch beschreibt, einem schon das Gefühl geben, einfach nicht wirklich gesehen, nicht als Person wahrgenommen zu werden, nicht „in echt“ dazu sein.

 

Ist man da, ist man eben da (wie auf einer Party, die Marla nur besucht, um Dylan hoffentlich zu treffen), ist man nicht da, ist man eben nicht da (1475 Freunde auf Facebook und keiner meldet sich, wenn Marla am dringendsten darauf hofft).

 

Zudem vergibt Zange ihre Marla Eltern, die, wie nicht wenige Personen im Roman, als Symbole für eine „moderne“ Lebensweise stehen. Kühl, glatt, schick, so das Haus. Effizient der Vater, allein mit sich und ihrem esoterischen Interesse beschäftigter Mutter.

 

Wie Zange hier den Gegensatz zwischen Großeltern und Elternhaus zutiefst treffend schon im äußeren Eindruck setzt, wie zugleich klar wird, dass das eine „nicht mehr da“ und das andere zwar „Realität“, aber nicht liebens- oder lebenswert wäre, das sind Schlüsselszenen (wie dann auch jene, in der das innere Verhältnis von Mutter und Tochter pointiert bis zur Schmerzgrenze dargelegt wird). Szenen, die die Atmosphäre des gesamten Romans in sich fangen und mit ständigem Druck auf die schmerzhaften Stellen den Leser nicht auslässt.

 

Eine Welt, in der jeder ausschließlich und alleine mit sich beschäftigt ist, in der Bekannte (und Marla hat viele in Berlin) primär als „Publikum“ der Selbstdarstellung genutzt werden oder für eher „funktionale“ Begegnungen zwischendurch (wie jener Freund und Gelegenheits-Bettgefährte, der „danach“ umgehend den blütenweißen Zustand seines Bettes wieder herstellt und Marla rasch verabschiedet (jedes Mal).

 

Eine Marla, die nichts anderes sucht, als Nähe. Echte Zuneigung. Vielleicht die Chance auf „Mehr“ mit einem Mann. Die aber, jeder für sich, mit ihrer „Szene“, mit Drogen, mit Modeljobs, mit irgendwelcher, eher dubiosen Kunst beschäftigt sind und mit all dem die Tage eher gedämpft an sich verstreichen lassen.

 

Ob bei Leuten, die Marla oft trifft, ob bei Zufallsbekanntschaften im Zug oder ganz am anderen Zufluchtsort, ob in der eigenen, engen Familie samt Bruder, das Leben kommt Marla vor, wie ein „Boxsack aus Watte“, in dem alles versinkt und verpufft, was sie als „Hallo, Hier bin ich“ versucht, der Welt mitzuteilen.

 

Da gibt es nur diesen portugiesischen Nachbarn. Der als „analoge“ Person mit seiner Familie im Haus lebt.

 

„Ich finde das ganz schlimm, dass die Leute alle hinter diesem I-Phone verschwinden…Wo niemand reagiert. Alles betäubt“. Und Marla? Hier wäre doch eine Chance zum „realen echten Kontakt“. Aber die junge Praktikantin kennt noch nicht einmal den Namen des Nachbarn. Sie ist nicht anders als die anderen in deren und ihrer Welt. Und wird sich, wie gestrandet, zum Ende des Romans hin aufmachen, den Kopf freizubekommen. Was in gänzlich anderer, unerwarteter Weise geschieht, nämlich ganz unprätentiös, ohne Donner und Paukenschlag, langsam, einfach so. Die „Realität“ sehen, annehmen, und sich darin (vielleicht, das bleibt offen), allgemein ganz anders positionieren ´können.

 

Melancholisch, mit großem Sprachschatz und nah und dicht an den Personen des Buches, Julia Zange öffnet den Blick auf die „Generation Smartphone“ mit ihren Praktikas, den ständig gepflegten Spleens, dem „dahin treiben“ in der der Großstadt, aber auch auf dem Land, im Elternhaus. Eine Welt, in der alles nur noch provisorisch wirkt und selbst nahe Bezugspersonen „emotionale und tiefgehende Gespräche“ am besten nur unter Aufsicht eines Therapeuten halten wollen.

 

Vielfache Bilder der zunehmenden Distanz im Kontakt, der Unfähigkeit, die eigenen Gefühle durch all die Filter hindurch finden zu können und dann damit auch etwas anfangen zu können.

 

 

Eine sehr empfehlenswerte Lektüre. Die mit einerseits kühler Distanz zur Welt und andererseits fast schmerzhafter Nähe zur Hauptperson den Leser nicht auslässt.

 

M.Lehmann-Pape 2016