Suhrkamp 2013
Suhrkamp 2013

Juliet Nicolson – Als Mrs. Simpson den König stahl

 

Gesellschaftsroman

 

Wer vom Titel dieses Romans her erwarten würde, das die alte, sattsam bekannte, Geschichte der Wallis Simpson, die König Edward zunächst dazu brachte, sie zu lieben und dann, dafür auf seinen englischen Thron zu verzichten hier neu, anders und in Romanform vorliegt, der sieht sich zunächst getäuscht.

 

Nicht Wallis und Edward sind die Hauptfiguren dieses Romans. Die Geschichte um den englischen König und seine bürgerliche Geliebte schwingt zwar durchaus (späterhin) am Rande „irgendwie“ mit, mehr aber auch nicht.

Nur also indirekt spielen die Ereignisse um Edwards Abdankung eine Rolle, mehr geht es darum, das Jahr 1936 in seiner Atmosphäre, seiner Lebensart, seinen Problemen durch die fiktiven Ereignisse um zwei Frauen herum in einem Gesellschaftsroman darzustellen.

 

Zum einen May, aus Barbados nach England kommend und bald in Stellung als Chauffeur des Adligen Sir Blunt. Und zum anderen Evangeline, amerikanische Lebefrau, Patenkind der Mrs. Blunt, irgendwie aus der Bahn geworfen (oder nie in einer Bahn bis dato angelangt). Ebenso ehemals eng bekannt mit „Mrs. Simpson“.

 

So lässt Juliet Nicholson in der Geschichte der beiden Frauen, in den Irrungen und Wirrungen der Liebe Mays zu Julian, in der allgemeinen Aufregung über die Affäre des Königs und in der besonderen Art der Amerikanerin Evangeline den Leser einen Blick auf das Konglomerat der damaligen Zeit werfen.

 

Im Haus der Blunts tritt das „alte England“  vor die Augen des Lesers, mit May die Verbindung zum Adel (im Haus ist sie nach einer Zeit eng verbunden) mit dem „einfachen Volk“, durch Evangeline kommt „amerikanische Lebensart“ mit ins Spiel und ihre persönliche Sinnsuche verbindet sich mit allem anderen im Buch zu einem Gesellschaftsroman in flüssiger und gut zu lesender Sprache.

 

Dass allerdings die einzelnen Fäden der Geschichte nicht so recht vorangetrieben werden durch die beständigen Dialoge, dass die einzelnen Themen auch sattsam bekannt sind (englischer Adel mit hier und da dem „Herz auf dem rechten Fleck“ und „modernen Haltungen“, die Geschichte um Edward und Wallis, in der Figur der May dann noch die Liebe einer „einfachen Frau“ zu einem höher gestellten jungen Mann, dass sorgt nicht gerade für eine hohe Spannung beim Leser.

 

In der zwischen den beiden weiblichen Hauptpersonen hin- und her wechselnden Perspektive kann man daher der Erzählweise Nicolson gut und gerne folgen, die Ereignisse selbst aber bieten wenig Anregung.

 

„Glauben Sie mir, es gibt so vieles, worüber man hier nicht sprechen dar, und ein Yankee braucht eine Weile, bis er sich alles zusammenreimt“. Diese Feststellung Evangelines lässt ahnen, dass es doch ein wenig altbacken hier zugeht.

 

Die Zeiten selbst und ihre „Haltungen und Atmosphären“ bringt Nicolson gut zum Ausdruck, man spürt, dass die Autorin sich mit dieser Epoche vor dem Ausbruch des zweiten Weltkrieges intensiv beschäftigt hat. Allerdings hat man (fast)m alles an Spannungsbögen und Episoden in der ein oder anderen Form bereits an anderer Stelle „zu lesen“ bekommen.

 

M.Lehmann-Pape 2013