dtv 2010
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Jutta Profijt   -  Schmutzengel

 

Das kleine Vergnügen zwischendurch

 

Innerhalb von 3-5 Minuten (je nach Lesegeschwindigkeit“, verliert Corinna, 1,78 Meter groß, leicht übergewichtig und mit ein wenig desorientierten Proportionen versehen Job und Lebensgefährten. Zudem das stylisch eingerichtete Heim und steht als bisheriges „Mädchen für alles“, vor allem für die Ordnung in der Werbeagentur, vor einem radikalen Neuanfang. Der sich mühselig zu gestalten scheint, denn die Erfahrungen mit der Beraterin der Arbeitsagentur deuten an, dass nicht viel an Bewahrung des alten Lebens zu erwarten sein wird.

 

Nicht nur, dass in dieser Situation ganz automatisch die Pfunde purzeln, während des weihnachtlichen Besuches bei der Oma in der Eifel aber entsteht die geniale Geschäftsidee. War Corinna nicht bisher von, übrigens trefflich gezeichneten, durchaus hohen Zahl alleinstehender, erfolgreichen Männer der Werbung umgeben, die eines auf keinen Fall hinbekommen, nämlich ihren eigenen Hausstand in Ordnung zu halten? Corinna bietet Abhilfe mit ihrer eigenen Firma, den „Schmutzengeln“, die für alles rund ums eigene Wohnen sorgen werden. Mit Lisbeth, der besten Freundin Ihrer Großmutter, ist auch die stützende Angestellte umgehend zur Verfügung (wenn Lisbeth doch nur noch lernen würde, ihre neue Chefin, die sie von Kindesbeinen an kennt, „Kindchen“ zu nennen). Als dann noch ihre neue beste Freundin, der „Troll“ die Werbemaschine in Gang setzt, steht dem Erfolg nichts mehr im Wege, bis, ja bis bei einem der Kunden plötzlich eine Leiche im Kühlhaus liegt. Und als dann noch die neue Speeddating Bekanntschaft Jens privat näher kommt, ist Corinna an allen Fronten beschäftigt. Wohin mit der Leiche im Kofferraum? Und wie das alles zeitlich auf die Reihe bekommen?

 

Mit viel Humor und unterschwelligem Witz treibt Jutta Profijt die durchaus unterhaltsame Geschichte voran. Sprachlich bewegt sie sich dabei im Rahmen alltäglichen Sprachgebrauches, ohne allerdings in Plattheiten oder reine Umgangssprache abzurutschen.

 

Besonders bemerkenswert ist die lebensnahe Zeichnung aller Figuren. Sei es die überdrehten schwarzgewandeten Werbeikonen, denen auch im persönlichen Bereich Image vor Realität und Schein vor sein geht, sei es die in Männerfragen einfach naive Corinna, die ihren Greg unbedingt wieder erobern möchte, blind für dessen Oberflächlichkeit oder  sei es Lisbeth als hauswirtschaftliches Genie auf dem Wege der Selbstverwirklichung (wirklich jeder kennt solche Freundinnen seiner Großeltern).

Viele moderne Errungenschaften geraten zudem in den Blick. Wunderbar zu lesen, wofür sich ein Speeddating noch alles so eignen kann und ebenso kann man das moderne Leben wiedererkennen in dem Versuch, umgehend nach einer Entlassung wieder Tritt zu fassen.

 

Die „Leiche zum Dessert“ erscheint allerdings ein wenig konstruiert, letztlich ist nicht wirklich nachvollziehbar, warum sie im Kofferraum von Corinnas Wagen landet und diese verzweifelt versucht, eine Entsorgungsmöglichkeit zu finden statt wirklich einfach die Polizei einzuschalten.

Diese Konstruktion ist allerdings im Blick auf die verzweifelten Versuche, sich des Toten zu entledigen, verzeihlich, denn um diesen Versuch herum geschieht einiges an humorvollem Scheitern. Wunderbar wird der Angstschweiß beschrieben, der wohl jedem auf die Stirn treten würde, wenn das eigene Auto samt Leiche im Kofferraum am Abschlepphaken hängt. Und schön, dass es noch Abschlepper mit Herz geben könnte….

 

Natürlich ist hier keine Hochliteratur zu erwarten, das Buch bietet aber durchaus ein Lesevergnügen für zwischendurch. Wenn dann demnächst noch einmal die Sonne mit ein wenig Wärme zum Verweilen in einem Kaffee einladen sollte, ist der „Schmutzengel“ ein durchaus angenehmer Begleiter.

 

M.Lehmann-Pape 2010