Manhattan 2015
Manhattan 2015

Karen Joy Fowler – Die fabelhaften Schwestern der Familie Cooke

 

Zerrissene Familie

 

Im wahrsten Sinne des Wortes auseinandergerissen ist  diese Familie Cookie, der Tochter Rose ihre eigene und die Geschichte dieser Familie aus der Ich-Perspektive im Buch erzählt.

 

Zynisch, nach außen hart, möglichst weit entfernt vom Wohnort ihrer Familie hat sich Rose ihren Studienort ausgesucht.

 

Ihre ganz besondere Schwester Fern ist so ziemlich über Nacht aus der Familie verschwunden, als Rose noch ein kleines Mädchen war. Ihr Bruder Lowell hat immer schon versucht, Abstand zu halten und ist mittlerweile auch wie vom Erdboden verschwunden, von distanzierten, kurzen Lebenszeichen einmal abgesehen.


Was Wunder auch in dieser Familie, in der der Vater, der wissenschaftliche Psychologe, eng dem Alkohol verbunden war und ist, die Eltern eine nicht immer klar einzuschätzende Beziehung zueinander haben und Mitglieder der Familie einfach so nicht mehr da sind. Und kein Wort wird mehr darüber verloren. Wie ein „Zuviel“ des Redens an sich nicht einfach ist in dieser Familie. Was Rose schon als Kind lernt, dass ihr unendlicher Redestrom kanalisiert werden soll, dass sie sich beschränken soll.

 

„Natürlich wurde am Ende über gar nichts geredet, wie immer mieden wir heikle Themen. Meine Eltern legten großen Wert auf das Bild einer intakten Familie. Angesichts der Tatsache, dass mir zwei Geschwister fehlten, ein erstaunlicher Triumph von Verdrängung und Wunschdenken“.

 

Soweit herrscht das Schweigen schon früh vor, dass aus dem munter plappernden Mädchen nun eine tief schweigsame junge Frau geworden ist, war das allerdings wohl nicht gedacht. Damals

 

Dass Fern eine ganz besondere Schwester war, das zeigt sich schon an den nur wenigen Monaten, welche die beiden Schwestern her vom Alter auseinander sind. Aber das da ein lebendes Wesen einfach so aus dem gemeinsamen Leben eliminiert wird, das macht den Leser von Beginn an äußerst neugierig. Denn zum einen muss es mit dieser Schwester etwas Besonderes auf sich haben und zum anderen muss etwas dramatisches Geschehen sein.

 

In Beidem enttäuscht die Lektüre nicht, auch wenn es eine ganze Weile dauern wird bis die Ereignisse von damals deutlicher in den Raum treten, die Wesensveränderung bei Rose erklärbarer wird, das Verschwinden und die Handlungen ihres Bruders Gründe finden. Nicht ganz so lange dauert es, bis das „Geheimnis“ um Fern gelichtet wird.

 

Einerseits eine erstaunliche Konstellation, die sich aus der „Wahrheit über Fern“ ergibt, andererseits eine Erinnerung an tatsächliche reale Ereignisse und Versuche der damaligen Zeit, die aus heutiger Sicht ganz unbedarft vorgingen.

 

Für Rose zu unbedarft. Denn Seite für Seite seziert sie die beteiligten Personen von innen her, lässt den Leser ihren eigenen Schmerz und ihre eigene Schuld spüren, das Zerbrechen aneinander spürbar in den Raum des Buches treten, bis am Ende doch noch zusammenkommt, was auf eine bestimmte Art und Weise einerseits eng verbunden war und andererseits nie zusammengehörte.

 

In sehr bildreicher, lebendiger Sprache mit einem klaren Blick für die „Einzelteile“ der Persönlichkeiten wendet sich Fowler einem sehr besonderen Thema zu. Und auch wenn das Buch nicht unbedingt „das Herz des Lesers nimmt und nicht mehr zurückgibt“ und hier und da sich ein wenig in die Länge zieht, eine beeindruckende Darstellung und eine tiefe Sicht auf das Menschliche an sich und das was  die Familie im Besonderen zusammenhalten sollte (und oft nicht tut) ist Fowler mit ihrem Roman durchaus gelungen.

 

M.Lehmann-Pape 2015