Hoffmann und Campe 2015
Hoffmann und Campe 2015

Kat Kaufmann – Superposition

 

Reduziert, anders, anstrengend, lohnenswert

 

Jazz Pianistin. Man schlägt sich so durch. Nicht nur durch Engagements in Hotelhallen, nein, ganz an sich schlägt man sich so durch. In Berlin. Als Russin, zu Kindheitszeiten angekommen, immer noch mit diesem Geruch des Fremden bedeckt.

 

Man schlägt sich durch am Klavier, mit den Banausen, die Kunst nicht zu schätzen wissen, eher die Attraktivität der jungen Frau. Schlägt sich durch auf wilden Partys, mit Russen-DJ natürlich und mit Wodka.

 

Man schlägt sich durch neben der Toilettenschüssel dann. Nach dem Wodka. Während der Party. Und man schlägt sich durch mit Timur. Der Mann, der im Herzen festsitzt. Aber einer anderen gehört. Zumindest dort sein zu Hause aufgeschlagen hat. Während man selbst kein inneres zu Hause zu recht findet.

 

Man schlägt sich eben durch, in einer solitären Welt.

 

„Wie eine dieser Ü30 Partys hier: die meisten Kinderlos, alleinstehend, auf der traurigen, im Unsicheren stockenden Suche nach ihrem Glück, dessen Wahrscheinlichkeit mit jedem Jahr schwindet. Dreißig ist das neue einundzwanzig“.

 

Mit Alkohol, Kokain, lauter, lautester Musik, Reminiszenzen an die „alte Heimat“, die nie Heimat war.

 

„Ich habe Pläne. Mein Kopf soll ausgehen“.

 

Aber ganz ausschalten, das wird nicht funktionieren in diesem Roman um Izy Levin. Denn zunächst ist es Timur, der die Gedanken belegt, dann ist das es verwischen von Emotion, Tagtraum und trister Realität, in welchem Izy wie auf einem Strom auf Ideen, oder, wie der Roman sagt, „Quanten“ durch Zeit und Raum taumelt.

 

„Wenn du hier wärest, würde der Wodka anders schmecken.  Nach Steppe und Tundra und Taiga und Märchen am Ofen und nach zu Hause“.

 

In sehr reduzierter, oft und oft fast nur mehr assoziativ wirkender Sprache lässt Kat Kaufmann sich und ihrer kreativen Schaffensfreude weiten Raum. Dringt ein in dieses junge Frau, von allen Seiten, mit allen Aspekten, lässt deren Gedanken freien Lauf mit raschen Wendungen, wenn andere Impulse die Aufmerksamkeit kurzzeitig fesseln. Und gibt so, wie nebenbei, ein immens treffendes, emotional dichtes Bild der „Welt von heute“, nicht nur, was russischstämmige Menschen im nicht mehr ganz jungen Alter angeht.

 

Anschaulich geschildert an Izy und ihrem Nachsinnen über die Freunde und Freundinnen. Die solitär eben durch die Zeit schweben, die sich nicht um Izy herum oder miteinander wirklich verbinden lassen, die keine homogene „Heimat“ mehr zumindest im Sozialen erzeugen.

 

Ein Strudel von Suchen, Unterwegssein, Haftpunkte nicht finden, Trinken und nochmals Trinken, hinter dem so etwas wie ein geregelter Alltag, eine klare Perspektive völlig verschwimmt und verschwindet.

 

„Ich bin nicht hier. Es gibt gar kein Hier. Lediglich überall Quanten in Superposition, verstreute Partikel“.

 

Ein kräftiges, packendes Bild für Innen und Außen, das Zerfließen der Person, das Hineinfließen in jeden Impuls, das Auseinanderdriften des Ganzen.

 

Sprachlich in einer Weise, die auf den Punkt kommt, die anders ist als gewohnt, die mit Bruchstücken erzählt statt in gesetzten Fäden. Anstrengend in Form und Inhalt, packend im Dahingeleiten auf den Wellend es Lebens ohne klaren Horizont. Aber mittendrin. Trotzdem Izy all dieses schmerzlich zu vermissende tatsächlich vermisst und teils bitter darauf reagiert. Ein Ausstieg kommt nicht in Sicht. Wie auch, wenn das die einzige Welt ist, die ihr wenigstens ein stückweit nahekommt.

 

 

Eine sehr lohnenswerte Lektüre.

 

M.Lehmann-Pape 2015