Droemer 2013
Droemer 2013

Kate Atkinson – Die Unvollendete

 

Immer wieder auf ein Neues

 

Wer im Rahmen des Klappentextes davon ausgehen sollte, das hier eine Variante des „Täglich grüßt ein Murmeltier“  vorliegt, der sieht sich nur einem weitesten Sinne im Ansatz bestätigt.

 

Atkinson nimmt nicht die Grundidee der Zeitschleifenwiederholung eines bestimmten Tages auf. Ebenso wacht ihre „Ursula“ auch nicht zu einem bestimmten Zeit-Zeitpunkt immer wieder am Anfang einer solchen Zeitschleife auf.

Atkinson setzt ihre „Lebens-Wiederholung“ im Buch sehr viel grundsätzlicher an.

Wenn es an der Zeit ist, dann stirbt jene „aus der Art der Familie gefallene“ Ursula und der Leser wird, postwendend, in den „Schnee“ zurückgeschickt, an den Tag der Geburt Ursulas. Wobei bei der ersten „Schleife“ man auch direkt dort verweilt, denn zunächst stirbt Ursula bei ihrer Geburt, erstickt von der Nabelschnur.

 

Doch auf einer ganz unterschwelligen Ebene lernen die Personen im Haus (nicht nur Ursula). So dass irgendwann unter anderem eine scharfe Schere von der Mutter vor der Niederkunft Ursulas bereit gelegt wurde (ohne dass diese so genau wüsste, warum sie das tut). Oder andere, tödliche Gefahrenquellen, ,von der „Welle“ bis zum „verschneiten Dach“ oder der spanischen Grippe, von weiteren Unfallherden oder gefährlichen Entwicklungen, wie in einem „Deja Vu“ gelingt es Ursula, andere Wege zu finden, nicht nur sich, auch andere Menschen vor einem frühzeitigen Ableben zu bewahren und den Faden der Lebensgeschichte immer wieder eine bis zwei Rollen weiter zu drehen.

 

Was den Leser zunächst einige Anstrengung kostet, in den mancherlei assoziativ daherkommenden Veränderungen in der Familie, in dem immer wieder „Auf Null stellen“ und sich neu in veränderte Situationen einfinden, den Überblick zu bewahren. Hat man dies Phase jedoch hinter sich gebracht und sich eingelesen, verfolgt man durchaus interessiert die immer wieder sich neu wendenden Entwicklungen Ursulas im England von 1910 bis 1945.

 

Wobei diese Hauptlinie des Romans in seiner praktischen Umsetzung fast eher wie nebenbei im Hintergrund abläuft, denn in den Mittelpunkt ihrer Betrachtungen, durchaus an John Irving erinnernd, setzt Atkinson vor allem die Familie Todd und deren Ergehen durch diese Zeiten.

 

Hier spielt sie ihre wahren Stärken aus. Die sorgfältige Zeichnung von ganz eigenen Figuren (von der naiv wirkenden, durchaus aber lebensnahen Sylvie, der Mutter, über Hugh, den trockenen Vater, die verschiedenen Kinder und die, ebenfalls liebevoll in Szene gesetzten, Hausangestellten. Diese intensiv beleuchteten Figuren und deren ständige Interaktion untereinander bieten, gemeinsam mit den luftigen Schilderungen des Lebens in England zu jener Zeit („Es werde Licht“) einen schön zu lesenden Rahmen um die stille, klare, ernste und gradlinige Ursula, die ihren Weg durch all die Irrungen und (Lebens-) Gefährdungen in diesem Umfeld zu finden hat, irgendwann auch einen Psychiater ertragen muss und dann, eines Tages, mit dem alten Armeerevolver Ihres Vaters in einem Münchner Kaffee an einem Tisch sitzen wird. Mit der durchaus durch das Buch laufenden Spannung, warum sie dann eigentlich da sitzt mit ihrem Revolver.

 

Ursula, die in gewisser Form mehr und mehr zu einer „Bewahrerin“ der Familie werden wird. In einem Roman, der seine Längen und, vor allem im ersten Drittel, Wirrungen aufzuweisen hat, dennoch aber die Atmosphäre jener Zeit gut transportiert (alleine schon die naive , unwissende Haltung zur Sexualität ist präzise erlebbar umgesetzt).

 

Alles in allem bietet Atkinson eine später im Tempo zunehmende Unterhaltung, in der sie Zeitambiente und Personen sich entfalten lässt und miteinander in interessanten Konstellationen verknüpft. Immer wieder aufs Neue und mit „neuem Anlauf hinein in das Leben und über die Hürden“.

 

M.Lehmann-Pape 2013