Berlinverlag 2013
Berlinverlag 2013

Katharina Hartwell – Das fremde Meer

 

Das Innere nach Außen gewölbt

 

„Er sollte ihr aus dem Weg gehen. Er sollte sich in ihrer Nähe aufhalten. Er hat so lange befürchtet, dass sie kommen wird. Er hat so lange gehofft, das sie kommen wird“.

So wirft es Ghostboy in einer der zehn Geschichten im Buch innerlich hin und her. Er, der als Attraktion eines Zirkus versteht, zu ertrinken. Und nach Minuten erst wieder an die Oberfläche des Lebens zurückzufinden. Sein Herz aber, das ist sein Geheimnis, schlägt nicht. Weder im ertrunkenen Zustand noch im lebendigen.

„Und in der besten aller schrecklichsten Zeiten wird mein Magen zum sperrigen Kästchen voller rostiger Nägel, hinter meinen Rippen ziept und rattert es....... Ich weiß, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis ich auffliege und der rechtmäßige Gewinner seinen Gewinn einfordern wird“. Wobei „Er“ der Gewinn ist für „Sie“. So geht es Marie mit ihrer Liebe zu „ihm“.

Marie, aus ihrer gewohnten Kinderumgebung von ihrer Mutter in die Stadt befördert und innerlich wie isoliert dort, trifft später als Studentin Jan. Eine Liebe entwickelt sich, doch mit sehr ungleichen Vorzeichen. Marie ist die, die in der Außenwelt ungelenkig wirkt und sich dort unwohl fühlt im Kontakt mit Menschen. Jan ist der, der sich in der Außenwelt zurechtfindet, „den jeder irgendwie berühren möchte“, doch der innerlich wie eingekapselt wirkt. Nicht von sich erzählt, keine emotionale Sicherheit geben kann.

Marie also sucht und bohrt, hält und fragt, und spürt, dass Jan „gerettet“ werden muss. Wovor? Warum? Während Maries Lebensgeschichte im Buch vorweg erzählt wird, ist dies bei Jan zu entdecken, erst spät zu erfassen, warum er ist, wie er ist. Und was es mit dieser panischen Angst vor Spinnen auf sich hat.

Jan stellt die Zweisamkeit nicht in Frage, ist aber auch für sich selbst im Kern seines Wesens kaum erreichbar. Vielleicht, weil „der Taucher“ ihn bedroht, nicht ins Leben hinauszutreten? Vielleicht, weil in seiner inneren Welt sich ständig die „Mobile“ verrücken und er die Orientierung verloren hat? Vielleicht, weil der „Kapitän“ des Totenschiffes ihn mit aller Kraft zu fassen bekommen will und nicht klar ist, ob er überhaupt schon auf dieses Schiff gehört? Oder vielleicht, weil seine „Bleichkrankheit“ in der fest von Wolken verhüllten Stadt ihm alle Farbe genommen hat und der Weg zurück auf dem Luftschiff kaum möglich scheint?

„Mobile Stadt“, „der Taucher“, „der Kapitän“, „der Ghostboy“, „die Bleichkrankheit“, das sind einige Motive nur aus den zehn im Buch versammelten Geschichten, in welchen Hartwell in luftiger, bildkräftiger, poetischer und sehr, sehr wortkräftiger Sprache ihre Rahmenhandlung von Jan und Marie, die Rettung Jans durch Marie, immer wieder aus anderen Perspektiven wie in einem (spannenden und teils gruseligen) Märchen erzählt.

Geschichten, in denen die äußeren Ereignisse aber nichts anderes sind als Ausformungen und erzählende Erläuterungen des inneren Zustandes beider Personen einerseits und ihrer Beziehung andererseits. Ganz deutlich ist dies erkennbar an den beiden Kindern, Junge und Mädchen, die auf zwei Inseln aufwachsen müssen. Je allein mit ihrer Mutter, den Leuchtturm der anderen Insel nur aus der Ferne zu sehen. Und doch beginnt der Kontakt, wird der Wunsch, zueinander zu kommen bei den beiden Kindern groß und wird die Gefahr dieses Zusammenkommens über das Meer, in dem „der Taucher“ auf Beute harrt, für den Leser intensiv greifbar erzählt.

Zwei Leuchttürme im Meer, die eine drängend, der andere ängstlich, die eine den Zugang suchend, der andere mit dem tiefen Wunsch, sich zu öffnen, ohne es zu können.

Beeindruckend ist es, wie Hartwell diese inneren Befindlichkeiten immer wieder neu und anders in Fiktionen ausdrückt. Wie sie sensibel die Sehnsucht, die Verschlossenheit, die Angst in Symbolen auszudrücken versteht. Eine Bildsprache, die nicht plump daherkommt, sondern wirken will und kaum in jeder Faser vom Leser einfach so entschlüsselt werden kann.

Das die zu Grunde liegende Rahmengeschichte hier abfällt, das, bei Licht betrachtet, diese Überhöhung der eigenen drängenden Nähe zum anderen oder eben diese Stille und Angst in der eigenen Person hier und da auch ein wenig nervt (warum lässt Marie den redefaulen Jan nicht einfach? Warum ist dieser nicht genervt von dem ständigen Angang? Ist das wirklich real, so etwas magisch Verbindendes zwischen Mann und Frau oder liegen hier fast Hollywood-Beziehungsraster zu Grunde?), das ist zwar „zwischen den Geschichten“ ein wenig hinderlich, vermindert aber kaum die Lesefreude und die sprachlich hervorragende Darstellung der „Innenwelten“ in den eigentlichen „Fantasie-Geschichten“.

Ein sprachlich gelungener und in seiner Symbolsprache der Innerlichkeit der beiden Liebenden im Buch anspruchsvoller, sehr intensiver und zum Versinken einladender Roman.

 

M.Lehman-Pape 2013