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Katharina Münk – Die Eisläuferin

 

Regierungsalltag im Blindflug

 

Was so ein Bahnhofsschild alles auslösen kann, wenn es sich aus seiner Verankerung löst und auf jemandes Kopf fällt. Auf den Kopf der deutschen Regierungschefin (nein, mit Namen wird sie nicht genannt, im Buch). Gut, dass ihr Mann, der „Herr Professor“ (nein, Namen werden nicht genannt im Buch!) in der Nähe ist und sofort Beistand leisten kann. Schon da, zu Beginn des Buches, ist eigentlich klar, wer gemeint ist (auch wenn Namen nicht genannt werden).

 

Beide sind der Überwachung entwischt, hatten beschlossen , aus dem „offiziellen“ Urlaub zu „entweichen“ und stattdessen gemeinsam und, vor allem, alleine, mit der transsibirischen Eisenbahn einige Tage durch Russland zu fahren.

 

Und nun dies. In einer Mischung aus „Memento“, „Ich.darf.nicht.schlafen“ und „Täglich grüßt das Murmeltier“ erwacht die Regierungschefin („stehts die Ihre“) täglich aufs Neue und kann sich an die letzten 20 Jahre nicht erinnern, auch nicht an den gerade vergangenen Tag.

 

Ist die Geschichte bis hierher von Katharina Münk bereits in locker fließendem, humorigen und mit vielen Anspielungen versehenden Tonfall erzählt, in dem es Münk zudem spielend gelingt, schon an der Beschreibung kleiner Eigenarten der „Regierungschefin“ hohe Wiedererkennungswerte in den Raum zu setzten, nimmt das Buch von da an noch einmal deutlich an Fahrt auf. Wie der kleine Krisenstab fiebrig vor sich hin arbeitet, kleine „Lehrfilme“ zu allen möglichen Staatsoberhäuptern, Parteigranden und Sachfragen erstellt, um die „Chefin“ in jeder Situation auf die Politik wieder „loslassen“ zu können (nein, eine Ablösung kommt nicht in Frage ob der Wahlen und des „restlichen Personals“), das hat schon hohen satirischen Wert.

 

Aber auch wenn das Buch als Persiflage konzipiert ist, im Hintergrund  schwingen dennoch durchaus bedenkliche Anklänge des politischen Alltags mit. Vordergründig zum Schmunzeln so, wie „Mon Chere“, der französische Staatspräsident im Rahmen der Finanzkrise (nur vordergründig, eigentlich braucht er Presse in der drögen Sommerpause) begeistert mit der Regierungschefin ein Rezept für eine Tomatensoße austauscht, dabei seine Unzufriedenheit mit den Kochkünsten der eigenen Frau zum Ausdruck bringt. Lustig, klar, aber Münk gelingt es, die Szene mit einigen Feinheiten so darzustellen, dass sie durchaus als Realsatire und nicht als persiflierende Übertreibung wirkt. So also läuft Politik, hinter den verschlossenen Türen, könnte man tatsächlich meinen.

 

Inmitten von all dem steht der „Professor“ (ein Bild des „normalen Bürgers“im Buch) mehr und mehr kopfschüttelnd auf fast verlorenem Posten und erlebt, trotz seiner seit Jahren bestehenden Nähe zur Macht mehr Irritierendes, als ihm lieb wäre.

 

Was der Geschichte dann den letzten Schliff noch mit auf den Weg gibt, ist die innere Konstellation der „Regierungschefin“. Von den Erinnerungen her wacht sie jeden Morgen mit dem drängenden Gefühl auf, den „demokratischen Aufbruch“ der Wendezeit energievoll nach vorne zu bringen. Eine damals noch unverfälschte, Idealen nachgehende Frau, die sich real aber im Körper und im Verhalten einer Dauer-SMS schreibenden Regierungschefin wiederfindet, die auf ihre Art mit allen politischen Wassern gewaschen ist. Was war man und wollte man damals? Wie ist man nun und wie konnte das passieren? Ein interessanter Strang innerhalb der Geschichte noch, die in sich nie wirklich bitterböse wirkt, durchaus aber satirisch-bissige Stellen vorzuweisen hat.

 

Locker und flüssig geschrieben, das Motiv aus so manchen Vorgängern in Buch und Film entlehnt, erarbeitet Münk einen menschlich-humorvollen Blick auf  die „Regierungschefin“ und ihren Mann, einerseits fast verloren im Schaltwerk der Berater und der (vermeintlich) „großen“ Politik,, andererseits trotz ihres Zustandes mehr und mehr in der Lage, den Ereignissen doch immer ihren Stempel aufzudrücken. Obwohl sie sich manches Mal auf „dünnem Eis“ vorfindet. Aber mit der Entdeckung des Gefühls wieder durch die Regierungschefin, wird der Tritt wesentlich klarer und sicherer, ebenso, wie manche Erinnerungen wieder in den Raum treten werden. Trotz einiger Längen eine durchaus anregende und unterhaltsame Lektüre.

 

M.Lehmann-Pape 2011