Goldmann 2012
Goldmann 2012

Kathrin Weßling – Drüber Leben

 

Gegen das Monster im Kopf

 

Allein schon der Untertitel mit seiner Aussage: „Depressionen sind doch kein Grund, traurig zu sein“ zeigt auf, wie Kathrin Weßling es versteht, mit Worten und Assoziationen zu spielen, wie sie, als selbst betroffene, mit der „Volkskrankheit“ Depression einen anderen, erzählerischen und tieferen Umgang findet.

 

Ein Eindruck von Vielschichtigkeit, den die belletristische Verarbeitung der (am eigenen Leib erlebten) Krankheit in bester Form vertieft und weiterführt. Eine Ironie und ironische Distanz auch zu den Auswirkungen auf ihre eigene Person, die sie stetig einfließen lässt in die Geschichte von Ida, die sie im Buch erzählt und die sicherlich als Alter Ego der Autorin selbst zu verstehen ist.

 

Ida, die in die Depression hineingleitet und die nun den Weg der Krankheit intensiv, emotional, mit einem klaren Blick für Personen und den sprachlichen Möglichkeiten, diesen klaren Blick auf den Punkt beschrieben im Buch zur Geltung zu bringen.

 

„Mein Name ist Gräfling, ich bin Ihre Bezugspflegerin. Würden Sie mir bitte folgen“. 

„Frau Gräfling mag das Gefühl von Macht zu sehr, als dass sie sich gerne an der Nase von Verrückten herumführen lässt und so hat sie die fünfundzwanzig Jahre seit dem unseligen Vorfall in dem ruhigen Wissen verbracht, zwar nicht geliebt, aber wenigstens respektiert zu werden“.

 

Ebenso, wie Weßling das eigene Erleben in Worte fasst. Auf eine Art, die den Leser durchaus mit „in den Kopf“ der Figur der Ida zu nehmen versteht.

„... und höre den Stimmen im Inneren zu, den Geräuschen meines Körpers, dem Schreien der Erinnerungen...... Ich bin nicht mehr allein, nicht mehr in meiner Illusion eines Zuhauses.“

Einblicke, die ernst sind, die Dramatik ins ich tragen, die nicht geschönt oder mit einem Augenzwinkern versehen werden.

 

Dennoch aber gibt es dieses Augenzwinkern (wobei die innere Fühllosigkeit immer unterschwellig vorhanden bleibt) ebenfalls an genügend Stellen im Buch um immer wieder dieses eine zu verdeutlichen: Behandlung, Medikamente, Therapie sind das eine, die Kraft, Distanz zum eigenen „Versinken“ zu erleben, Ironie zuzulassen und eben „8000 Kilo Schwermut“ und „vierundzwanzig Jahre Risse und Flecken und das Gefühl, dass der Geist nur ein monumentales Denkmal ist in einem Körper, der nie älter geworden ist als achtzehn“, das muss erst einmal mit klarem Verstand erfasst und reflektiert werden, bevor die Chance auf eine heilsame Distanz zur eigenen Depression im Raume steht. Ohne dass Wunderheilungen geschehen würden und eben nicht doch weiterhin im Raume verbleibt, täglich seinen Weg mit und aus dieser Krankheit heraus suchen und finden zu müssen. Auch im Buch bis zur letzten Seite, bis in den Epilog herein.

 

Kathrin Weißling ist ein sprachlich ausgereiftes, ungeschminktes und im Thema und der intensiven Darstellung hervorragendes Debüt gelungen, dass zur Lektüre rundweg zu empfehlen ist und das eindrucksvoll aufweist, wie man sich „Töten und Überleben kann“, wie man sich „Umbringen kann ohne zu sterben“ und durch dieses Erleben hindurch langsam das eigene Leben wiederfindet.

 

M.Lehmann-Pape 2012