Arche 2013
Arche 2013

Kelle Groom – Ich trug das Meer in Gestalt eines Mädchens

 

Inneres Abgleiten

 

Es wird dauern im Buch, bis Kelle Groom (die in diesem Roman ihre eigene Geschichte verarbeitet) beginnt, für sich zu kämpfen, ihren Weg, sich selbst zu suchen. Ob mit Erfolg, das wird für den Leser erst zum intensiv und anrührend gestalteten Ende des Buches hin klar werden.

 

Ein junges Mädchen, pubertierend, ein schwaches Selbstbild. Und all das eigentlich nur gedämpft zu ertragen. Alkohol und Sex, später auch anderes an Drogen, das sind die bewährten Mittel der Kelle Groom in den Jahren ihres Aufwachsens und als junge erwachsene Frau.

 

„Am nächsten Morgen rufe ich Sophie an.

„Du wirfst Dich weg“, sagt sie. Ich weiß nicht, was sie meint“.

 

Aber jeder andere sieht es, dieses langsame Abgleiten und Weggleiten. Auch die ungewollte Schwangerschaft im Alter von 19 Jahren führt (noch) nicht zu einer Kehrtwende. Umgehend nach der Geburt des Sohnes gibt Kelle diesen in die Obhut von Tante und Onkel.

Und wird ihn nie leibhaftig wiedersehen. Das Kind stirbt an Leukäumie.


„Es ist 1982, das Jahr, in dem mein Sohn stirbt, und ich sitze mit 15 alkoholkranken Seeleuten im Kreis“.

Wieder einmal bei dem Versuch, den Alkohol hinter sich zu lassen und immer noch mit einem ausgeprägten Taumeln im Leben, das bald darauf sogar in einer Ehe münden wird. Was auch keine echte Lösung darstellt. Zu viele andere, zerstörerische Beziehungen prägen das Leben Kelles im Roman.

 

„Ich wate durch die am Boden liegenden Körper“, so sieht der Alltag viel eher aus, als dass ein Halt zu finden wäre, eine klare Linie sich ergeben könnte.

 

Wie aber dann eine Kurve genommen wird, wie der Kampf um Struktur für das Leben einsetzt, wie das tote Kind, dass Kelle nie wirklich kannte, heilsam für ihr eigenes Leben sein wird und wie das alles auf den letzten Seiten zueinander und ineinander führen wird, dass ist zum Ende des Buches hin durchaus nahegehend zu lesen, das wird mit einfachen, klaren Hauptsätzen schonungslos vor den Augen des Lesers offengelegt.

 

Wobei der Sprachstil Kelle Grooms einerseits als Stärke zu gelten hat. Ein Stil, der durch seine distanzierte Schilderung die Distanz Kelles zu sich selber bei all den Abstürzen, die ungeschminkt erzählt werden dem Leser schmerzlich verdeutlicht.

 

Andererseits sogt diese Distanz im Stil, die wenig emotionale Erzählweise aber auch, leider, dafür, dass der Leser wenig emotionale Anhaltspunkte für sich selbst findet. Ein Beobachter eines schmerzlichen Prozesses „nach untern“ und ein Beobachter einer innerer Findung, wie durch ein Schaufenster ist dieser Entwicklungsroman vor Augen. Ein stückweit an innerer Beteiligung, an emotionaler Dichte der Erzählung wird an vielen Stellen im Roman doch mit Bedauern vermisst, auch wenn am Ende Emotionen fühlbar in den Raum treten.

 

Dennoch, ein schonungsloses Buch, ein präzise geschildertes Erleben, ein Roman auch, der Hoffnung in den Raum setzt, dass es Auswege gibt, dass ein Mensch auch in großer, innerer Zersetztheit den Weg zu sich finden kann. Und dass die Kraft der Liebe über die Zeiten heilt.

 

M.Lehmann-Pape 2013