Blanvalet 2012
Blanvalet 2012

Kenizé Mourad – Die Stadt aus Gold und Silber

 

Historische Ereignisse im Gewand eines historischen Romans

 

„Die Annexion Awadhs ruft in ganz Indien Empörung hervor. Jedermann betrachtet diese Annexion schlicht und einfach als Diebstahl. Wenn die Engländer fähig sind, den treuesten Verbündeten zu berauben, dann sind sie zu allem fähig“.

 

Kenizé Mourad führt den Leser nach Indien, in die Zeit der Kolonialherrschaft Englands durch die Ostindiengesellschaft. 1856 sind die Verhältnisse scheinbar völlig geklärt, da greifen die Engländer noch einmal richtig zu und annektieren das Königreich Awadh, dessen Hauptstadt weit bekannt ist als die „Stadt aus Gold und Silber“, von verführerischem Reichtum, dem die Kolonialherren nicht widerstehen können und wollen.

 

Awadhs König flieht mit seinem Hofstaat und mit ihm seine neue Frau, die schöne Hazrat. Deren Traum aus 1001 Nacht, vom Waisenmädchen zur Königin zu werden, steht nun vor den Trümmern. Doch Hazrat ist kein einfaches, tumbes Mädchen, dass nur durch  sein Aussehen glänzt. Einen unbeugsamen, harten Kern trägt die junge Frau des Königs in sich und stellt sich mit an die Spitze des Widerstands gegen den übermächtigen Gegner England. Einem Weg, auf dem sie zunächst Verbündete sucht und mit ihrer Art auch gewinnt, allen voran den Radscha Jai Lal.

 

„Ich wollte sie persönlich sprechen, weil es dringend ist. Der König ist in Lebensgefahr. Sie und ich, wir kennen ihn gut genug, um zu wissen, dass er die Gefangenschaft nicht ertragen wird. Sie sind sein treuester Freund. Haben Sie einen Plan?“.

 

Ein Widerstand, der nicht nur in heimlichen Fluchtplänen oder Ränkeschmieden sich erschöpft, sondern der sich zu einem bewaffneten Volksaufstand ausweitet. Der Befehlshaber der Briten, Sir Henry Lawrence, begeht den Fehler, sich mit zu wenigen Männern in eine offene Schlacht zu wagen, ein Ereignis, das dem Widerstand noch mehr Auftrieb einbringen wird. Aber das ist erst der Auftakt. Der englische General Campbell erbittet massive Verstärkung aus England und die Kämpfe ziehen sich dahin, ebenso wie das gegenseitige Werben um Unterstützer. Je verfahrener die Situation wird, desto mehr sehen sich die Engländer genötigt, „das Problem zu lösen“ bis dahin, Hazrat ein heimliches Angebot zu unterbreiten.

 

Kenizé Mourad kennt die Geschichte um Annexion und Widerstand Awadhs bis ins Kleinste Detail, scheint es. Weniger die abenteuerlichen oder persönlichen Schilderungen sind es, die ihrem Roman den roten Faden geben, sondern wie in einem geschichtlichen Lehrbuch legt sie den Konflikt, die Kämpfe, die politischen Verhandlungen und den erbitterten Widerstand vor die Augen des Lesers. Dies wirkt über mache Strecken im Buch doch ein wenig trocken, auch wenn Mourad sich einer einfachen Sprache bedient und die Handlung damit durchaus temporeich voranbringt. Die Verflechtungen der Geschichte Hazrats, ihre persönlichen Träume, ihre Ehe, all dies taucht in diesem Buch eher als Rahmenhandlung auf und nicht als das Eigentliche, welches die Geschichte trägt.

 

Alles in allem legt Kenizé Mourad eine vor allem historische Erzählung über tatsächliche Ereignisse vor, denen sie einen Rahmen aus der persönlichen Geschichte der Widerstandsführer in Hazrat mit auf den Weg gibt. Gut zu lesen, kenntnisreich, doch für einen Roman birgt das Buch zuwenig an Entwicklungen der beteiligten Personen und auch zu wenig an einer „Spannungskurve der Geschichte der beteiligten Personen.

 

M.Lehmann-Pape 2012