Ullstein 2016
Ullstein 2016

Kerry Howley – Geworfen

 

Wenn abstrakte Theorie auf massive Praxis trifft

 

„Manchmal sieht man leibhaftige, lebende Legenden der MMA-Überlieferung und manchmal halbbetrunkene, hinterwäldlerische Schlägertypen….aber immer gibt es einen Weg, den nur die Kämpfer benutzen“.

 

Und es könnte sein, dass dieser „eine Weg“ in Fragen von Sieg und Niederlage hauptsächlich abhängt von der „Chemie“, die ein „Nummerngirl“ in Gang gesetzt wird.

 

Man weiß es eben nicht so genau, das über Sieg und Niederlage entscheidet, was überhaupt dieses MMA Spektakel zum Spektakel macht. Eine „Sportart“, die ja in weiten Kreisen (immer noch) mehr als verpönt ist, die aber ihre ganz eigenen, auch intellektuellen Reize in sich trägt.

 

Folgt man zumindest Kit, Studentin der Philosophie, im Alltag und bisherigen Leben eher mit abstrakten Fragen und geistigen Sinn-Möglichkeiten beschäftigt als mit diesem Aufeinanderprallen roher Kräfte, weitgehend gar noch ohne Regeln.

 

Die als „Platzfüller“ ihren Platz um das Octagon, um den Käfig herum gefunden hat (eher aus Zufall). Wobei Platzfüller nicht einfach nur „Zuschauermasse“ meint, sondern eine Form der Begleitung darstellt, die sich auch außerhalb des Käfigs vollzieht. „Platzfüller“ sind Menschen, die „nicht zum Kampf, sondern zum Kämpfer“ gehören, die sich persönlich anschließen und persönlich auch von Seiten des konkreten Kämpfers akzeptiert werden, eine Art „Entourage“, aber nicht im engeren Sinne des Begriffs.

 

Sean Hoffmann und Erik Koch, zwei jener „Kampfmaschinen“ sind es, die Kit im Lauf der Zeit näher begleitet, denen sie nahekommt und, das ist der Clou des Buches und zunächst überaus befremdlich, die sie mit den analytischen Mitteln des Diskurses und dem „Handwerkszeug“ der Philosophie wie eine Zwiebel Schicht für Schicht für sich entblättert. In ihrem Antrieb, ihrer Besessenheit, dem Siegeswillen, dem Lebensgefühl, auch in dem Sport, den die beiden betreiben.

 

Und das sehr real, denn die Protagonisten im Buch (außer Kit), die vielfach besprochenen Kämpfe, all das hat in den letzten Jahren real so stattgefunden und wird nun in ein Geflecht von Theorien des Seins mit eingewoben.

 

„…und wenn du ihm nichts auf die Fresse gehauen hättest, dann hätte er auch nicht gewonnen“.

 

Auch das gehört dann dazu, umgehend sich einzubringen, beim Kämpfer zu sein, nur den Kampf vor Augen zu haben und noch einmal vor Augen zu führen, auch wenn gerade der Notarzt die Sehfähigkeit des schwer geschlagenen Kolosses prüft.

 

Vieles von dem, was jene Kit im Buch aus nächster Nähe lapidar und durchweg flüssig an Erlebnissen, Haltungen, Abläufen schildert, „Tja, mein Gesicht wird wohl einiges abbekommen“, ist dem nicht MMA geschulten Leser eher fremd und abstoßend.

 

„Solche Aussagen werden diejenigen schockieren, die das Wort „Gesundheitsbewusstsein“ überbeanspruchen“.

 

Dabei ist das Buch in keiner Form eine einfache Art der Verherrlichung oder Ausdruck eines Fans, sondern folgt in vielen Verästelungen letztlich dem Archaischen im Menschen, der rüden Gewalt, die dennoch Regeln, auch Rücksichtnahme und Empathie kennt, nur eben nicht im Käfig selbst.

 

Vor allem aber und immer wieder geht Kit im Buch der Faszination dieses MMA nach. Ergründet die eigene Faszination von diesem Ereignis und den beteiligten Kämpfer, legt die Besessenheit offen, mit der vor allem die Kämpfer, aber auch viele der Zuschauer sich völlig in das Geschehen hineinbegeben und verweist so in teils erhellender Klarheit auf etwas urtümlich Menschliches. Eines sich Messens wollen, gar Müssen.

 

 

Eine ganz andere, ungewohnte Form der Lektüre, die dennoch sehr flüssig und sehr interessant zu lesen ist.

 

M.Lehmann-Pape 2016