Hanser 2014
Hanser 2014

Kim Leine – Ewigkeitsfjord

 

Monumental

 

Morten Falck geht sehr weit. Dafür, dass er die Theologie nur betrieben hat, weil sein Vater dies erwartete. Weil Pfründe winkten. Seine Neigungen gingen und gehen in andere Richtungen, aber 1789 ist das Wort des Vaters Gesetz, da hat der Sohn zu folgen.

 

Dafür nun aber ist das Ziel, in Grönland als Missionar tätig zu sein, statt eine der bequemen Vorzeigepfarrerstellen in der Stadt anzunehmen, doch eine sehr existentielle Veränderung zu seinem Leben bisher, in dem er durchaus die „schönen Seiten“ zu genießen versteht.

 

Was da alleine (man beachte die Zeit, in welcher die Geschichte spielt), alles an experimenteller und neugieriger Erotik mit seiner Verlobten möglich ist, wie weit diese junge Frau aus gutem Hause mit Morten geht (und das nicht nur in den eigenen vier Wänden), das bringt den Leser umgehend in eine Nähe zu den Ereignissen.

Denn sehr „modern“ muten die Haltungen der Protagonisten an. Und das nicht nur in den erotischen Experimenten, sondern in der hier schon durchscheinenden inneren Befindlichkeit, dem Ausgeliefert sein dem eigenen Selbst, den eigenen Trieben gegenüber. Ein Thema, dass sich durch diesen Roman bedeutsam hindurch zieht.

 

Betrachtet man die gründliche Recherche und die Genauigkeit der historischen Darstellung im gesamten Buch, darf man durchaus davon ausgehen, dass Leine hier nicht „der Gaul durchgeht“, sondern er sehr genau jene „zwei Seiten“ des Lebens damals in der „zivilisierten“ Welt darstellt, wie er genauso treffend und genau im späteren Verlauf die Atmosphäre und Lebensweise der „unzivilisierten“ Welt prägnant vor Augen führt.

 

Die strikte Gesellschaftsordnung, das gesetzte Auftreten und dahinter das treibhaft pulsierende Leben, dass sich kaum in diesen äußeren Grenzen halten lässt.

Und diese teils auch hart überschreitet, nicht nur im erotischen Sinne.

 

„Sie rutscht über die Kante und stürzt flatternd und trudelnd  und gequält in die Tiefe und zieht einen senkrechten Schrei hinter sich her wie en zittrigen Strich eines Kohlestiftes“.

 

Und diese Frau fällt nicht freiwillig. Mord und Leidenschaften und tiefe Weisheit, vieles vermischt sich, bedingt einander in diesem sprachlich hervorragenden Buch.

 

„Der Mensch ist frei geboren und überall liegt er in Ketten“, dieser Satz bildet das in vielfachen Variationen aufgenommene Grundthema des Romans.

Denn auch im späteren die Eingeborenen, die „Grönländer“, auch diese wirken in mancherlei Hinsicht nur frei (von der Zivilisation). Ketten aber, die innerlich schwer wiegen, die finden Morten Falck überall, nicht zuletzt in sich selbst.

 

 „Welche Freiheit?“, denkt er sich, die als Wert der Eingeborenen behauptet wird? „Die Freiheit wild zu kopulieren und keine Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod zu haben“?

 

Nein, er will mit seinem Verstand, seinem „Geist“, anderes geben, Christus verkündigen, innerlich frei machen. In einem westlichen Umfeld im kolonialen, „unverfälschten Grönland“, in dem Laudanum oft als das Mittel der Wahl gilt und in dem sein tieferes Verstehen und Zugehen auf das neue, ungebändigte Umfeld ihm selbst innerlich neue Welten eröffnen wird. Auch wenn Grausames geschehen wird.

 

So kämpft Morten Falck mit der Reibung zwischen Moderne und „Ur-Leben“, mit dem Scheitern seiner Ideale (die schon in der Heimat wie ausgehöhlt waren) und dem Erleben, dass auch ihm eine Beherrschung seiner Triebe und Begierden nicht wirklich möglich ist.

 

„Der Geist ist willig, das Fleisch ist schwach“, schreibt Paulus und diese (alte) Erkenntnis gestaltet Leine ebenso unmittelbar erlebbar, wie er die „höheren Interessen“ ins Spiel führt, die mit Macht und Autorität immer wieder in den genehmen Rahmen zwängen.

Ein Abbild auch sehr moderner, gegenwärtiger, ethischer und wirtschaftlicher Fragen, die Leine in der Tiefe Seite für Seite auslotet.

 

Frei? Das mag hier und da durchscheinen als Möglichkeit, als Momentum im Buch, aber die Ketten des Menschen, die sind allgegenwärtig und ergeben eine dichte, schwere, intensive Atmosphäre, die das Lesen zu einem beeindruckenden Erlebnis macht.

 

Und die Lust auf innere Freiheit, auf das Recht auf einen eigenen Weg, erwachen lassen. Trotz aller oder gegen alle Ketten, die den Menschen auch im heutigen Leben stillschweigend umfassen.

 

 

Und das alles bestens umrahmt von der schweren, massiven, bildkräftigen Sprache Leines, mittels derer Leben, Land und Leute, Interessen und innere Sehnsucht unmittelbar erlebbar gestaltet werden.

 

M.Lehmann-Pape 2014