andiamo 2010
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Klaus Servene – Hitzkopf

 

Ein Mann von Format

 

Justus Lorang heißt er. Eine bewegte Lebensgeschichte erlebt er, manches liegt bereits hinter ihm, einiges noch vor ihm, trotz seiner schweren Krebserkrankung der Speiseröhre.

Seine vertraute Bekannte Brunhild von Heppe erzählt aus Ihrer Perspektive seine bewegte Lebensgeschichte und hält anhand der Erzählungen anderer Personen und der eigenen Beiträge von Justus nicht nur seine äußeren Stationen und Lebensversuche in mancherlei Berufsfeldern fest, sondern auch seine inneren Haltungen. Haltungen, die von Zeit zu Zeit je nach Zeitströmung durchaus zu wechseln verstehen. Denn Justus Lorang ist immer „up to date“, immer Sinnbild eines zeitgemäß passenden Stereotyps oder, wie er es selber sagen würde, ein jeweiliger „deutscher Michel“.

In nicht chronologischer Reihenfolge (das Buch beginnt mit einer Nachricht Lorangs an Brunhild aus Marrakesch 1968, während der wilden Hippie Jahre, denen natürlich auch Justus Lorang umgehend vollständig sich anzuschließen vermag) und springt im Verlauf des Buches munter durch die Zeiten und Wenden seines Lebens und dessen der Bundesrepublik Deutschland. Immer an seiner Seite (zumindest in gedanklicher Verbundenheit) seine Frau Enni.

 

Die Geschichte eines Mannes, mit durchaus ungeahnten Tiefen und Wendungen, der beim ersten Eindruck immer den Hauch des Durchschnittlichen mit sich trägt.

Doch Vorsicht.

Der zunächst Angestellte einer Hamburger Großküche, der in Kreation und Verkauf seiner Produkte inklusive der neuen Tiefkühlsuppe aufzugehen scheint, hat durchaus auch andere Seiten. Germanistik zum Beispiel hat er studiert und trägt in sich hehre Ideale humanistischer Prägung. Dem Kommerz steht er natürlich ausgesprochen kritisch gegenüber, was ihn aber nicht daran hindert, im Laufe seiner vielfältigen Lebensstationen auch die Höhen der Versicherungsvertreterbestenlisten zu erklimmen. Ein Mann mit Brüchen, einer, der immer mehr möchte, als das Leben ihm gerade bietet und der so seine Spur durch die Jahrzehnte deutschen Männerdaseins zieht. So verbinden sich in den Geschichten und Erzählungen klassische Erfolgskarrieren, fundamentale Pleiten und auch im vorgerückten Alter Reisen per Anhalter in den tiefsten Orient hinein.

 

Geschichten, Brüche, die Klaus Servene in unnachahmlichen Sprachstil wie ein springendes Puzzle erzählt. Freunde, Bekannte, Reisegefährten, Vorgesetzte kommen zu Wort, die jeweils aus ihrer Sicht einen Beitrag leisten zur Entschlüsselung der vielschichtigen Persönlichkeit des Justus Lang. Des „Justus im Pech“, der sich immer wieder durch äußere Umstände oder innere Sehnsüchte dazu gezwungen sieht, weiter zu suchen nach seinem Glück. Vom erfolgreichen „Geldmacher“ hin zum kämpfenden Revolutionär als Gemüsehändler auf dem Bonner Markt. Auf der stetigen Suche nach seinem Ort in diesem Leben. Und damit, in dieser Person des Justus, findet sich ein Stück innerer Zeitgeschichte deutschen Daseins über die Jahrzehnte hinweg jener Generation, die man 68er nennt.

Eine Suche, die, das lehrt das Buch, nicht unbedingt erfolgreich sein kann und wird, wenn man sich immer nach dem richtet, was gerade oberflächlich wichtig und in Mode erscheint.

 

Im Gegenentwurf zum stetig suchenden, reisenden, sich verändernden Justus Lorang entfaltet Klaus Servene in der Person des Freundes Bruno einen anderen Lebensweg, der, zumindest im Buch, sich als beglückender und innerlich friedlicher herausstellt. Deutlich werden diese extremen Pole an einer Stelle des Buches wie in einer Auflistung gegeneinander gestellt und ermöglichen so dem Leser, in der starken Gegensätzlichkeit, sich selber einzuordnen und seine eigene Lebenssuche zu bedenken.

 

Das Buch ist nicht einfach zu lesen. Einerseits sprachlich versiert und vielfach assoziationsauslösend, andererseits fehlt letztendlich eine vordergründig zusammenhängende Geschichte in den vielfachen Betrachtungen aus allen subjektiven Richtungen und Zeiten der Person des Justus. So bleiben Momente der Einsicht des Buches in Erinnerung, diese aber nachhaltig. Und es bleibt die Erkenntnis, dass es besser ist, beschreiben zu werden als totgeschwiegen.

 

M.Lehmann-Pape 2010