Andiamo 2008
Andiamo 2008

Klaus Servene (Hrsg.) – grenzen.überschreiten – Ein Europa Lesebuch

 

Europa aus Migrantensicht

 

Dass das Zusammenwachsen Europas nicht nur wirtschaftliche Probleme nach sich zieht (neben den vielen Vorteilen), sondern dass Europa auch in fast allen Mitgliedsländern je eigene Problematiken und eigene Wege in Bezug auf Migrationen aufzuweisen hat, ist bekannt.

 

In 35 Kurzgeschichten wenden sich in diesem Europa-Lesebuch Autoren im Rahmen eines literarischen Kurzgeschichten Wettbewerbs der Stadt Mannheim aus dem Jahre 2007 diesem speziellen Blickwinkel der Migration zu.

Beiträge aus unterschiedlichsten Blickwinkeln vereinigen sich in diesem wahrhaft grenzübergreifenden Lesebuch zu einem differenzierten und aktuellen Bild der Migrantensituation und der verschiedenen, teils humorvollen, teils schwierigen Folgen, die sich daraus ergeben.

 

Der Reigen der Geschichten reicht von der anregenden Betrachtung des modernen Schafskäses (Thomas Frahm), der Einzug in alle Supermärkte Europas gehalten hat, interessanterweise mittlerweile vielfach aus Kuhmilch hergestellt wird. Schafskäse als ein Migrant, der in der Mitte der Gastgesellschaft angekommen ist und dort sogar von heimischen Produkten adaptiert wird. 

 

Zwar auch mit Humor, aber dennoch ernsterem Hintergrund der Blick auf die Erziehung der Mädchen im sittengelockerten Deutschland (Tatjana Lukaric). Da, wo das moderne Kleid als „Billigflittchenrot“ durch den Vater gekennzeichnet wird, sich die Freiheitslust heimlich Bahn  bricht bis dahin, dass der Vater seine Töchter bei einer zufälligen Begegnung nicht erkennt ob der „freizügigen Kleidung“.

 

Von der Fremde im Inneren, dem „Berühren und doch nicht berührt werden“ erzählt mit hoher literarischer Qualität die Geschichte „Daheim, daheim“ (Frank Moravek) in lakonischem Stil und doch spürbarer innerer Fremde.

 

All Geschichten sind gut gewählt, ergänzen einander, bieten von vielen Seiten her in kleinen Alltagsgeschichten und grundsätzlichen Betrachtungen her ein vielfältiges Bild des Alltages in der Fremde mit all seinen kleinen und größeren Schwierigkeiten, aber auch Erfolgen, dort innerlich anzukommen, wo man zum Teil seit Jahren äußerlich bereits lebt. Grundlegend neue Sichtweisen allerdings erschließen sich in den Geschichten nicht. Zudem ist die sprachliche Qualität doch recht unterschiedlich einzuordnen. Das grundlegende  Anliegen des Buches allerdings wird hiervon nicht negativ beeinflusst.

 

So vermag die Geschichte von Marica Bodrzic letztlich wie eine Überschrift über die gesamte Kurzgeschichtensammlung die Ausrichtung des Buches in sich zusammenfassen: „Die innere Spur Deines Namens“ ist es, die Menschen brauchen, suchen, verfehlen und finden.

 

Ein empfehlenswerter Reigen an kurzen Geschichten, die einen Blick in die innere Wirklichkeit Europas viel eher erlauben, als die vielen Vorträge und Absichtserklärungen auf politischer und wirtschaftlicher Ebene.

 

M.Lehmann-Pape 2010