BTB 2013
BTB 2013

Laars Saabye Christensen – Der Sommer, in dem meine Mund zum Mond fliegen wollte

 

Schwere Kost

 

Von der literarischen Qualität her, von der Sprachkraft und der Möglichkeit, dass innere Erleben seiner Protagonisten in allen Facetten nachzugehen, ist dieses neue Roman von Christensen wieder einmal sehr gelungen und fasziniert den Leser überaus.

 

Andererseits, von der äußeren Geschichte und der Symbolkraft her, wird dieser Entwicklungsroman nicht wirklich leicht fassbar und schwankt an nicht wenigen Stellen zwischen eher irreal wirkenden Entwicklungen (der Junge, der nicht hineingebeten wurde, der dachte, er hätte einen Freund gefunden, der seinen tumben Stiefbruder aus einem Erdloch befreit und diesen mit eine Gewehr ausstattet) und ausufernden, inneren Monologen, bei denen es durchaus Konzentration benötigt, um nicht den Überblick zu verlieren.

 

Eine „Biographie“, wie es der Klappentext in den Raum setzt, ist in diesem Roman in enger Form zudem genauso wenig zu finden, wie eine Mutter, die „real“ zum Mond reisen wollte.

 

Wohl aber begleitet der Leser zu zwei konkreten Zeitpunkten den sich entwickelnden Mann Funder, der schon im Sommer 1969 an seiner alten Remington sitzt, um seinen ersten lyrischen Text zu Mondlandung zu schreiben. Ohne spürbaren Erfolg, zunächst. Außer der Überschrift und dem leeren Blatt wird da lange Zeit wenig in diese Richtung vorankommen.

 

Wohl aber in dieser Reibung in dem jungen Mann. Der nicht „Nein“ sagen kann, der aber auch kein klares „Ja“ herausbekommt. In Liebesdingen genauso wenig, wie anderen Menschen gegenüber.

 

Der aber dies alles an innerer Reibung duchaus gut an der Mutter auslassen und abarbeiten kann. Vor allem aber seine Haltung dem innerlich (und äußerlich) „nicht vorhandenen“ Vater gegenüber sucht er. Wobei das zu Beginn alles Spielereien noch sein mögen, bis dann zum Ende des Buches hin wirkliche berührende, innerlich entleert zurücklassende Trennungen geschehen werden. Ein langer Weg bis dahin und schmerzhafte Distanzen auf diesem Weg, darzustellen versteht.

 

„Wenn Du sie aufeinanderstapelst ....... die (Romane) mit „großen Schritten für uns und kleinen Schritten für dich und mich“ und dem ganzen Gesäusel anfangen, würden sie wahrscheinlich ebenso bis zu diesem Mond reichen“.

 

Und doch schreibt Christensen von vielen kleinen, inneren Schritten und der drängenden Suche nach Grund für das eigene Lebe, der Suche nach sich selbst.

 

„Ich hatte viele Namen, wenn jemand mich rief, kam ich nicht“.

 

Nach einem inhaltlichen und zeitlichen Bruch führt Christensen diese Geschichte von 1969 in der Gegenwart zu Ende und begleitet den dann gereiften, älteren Mann Funder auf seinem „Durchbruch“ zu sich, soweit man das Geschehen so nennen kann.

 

Zwischenzeitlich (und dieser Ortwechsel wirkt im Buch sehr hart und unvermittelt) führt Christensen in eine kleines, amerikanisches Kaff und zu Frank, der „Übermittler“ wird. Überbringer von schlechten, meistens Todesnachrichten. Und da gibt es mannigfaltige zu überbringen, bei denen ein Todesfall surrealer als der andere wirkt und dennoch wie lapidar nebenbei mitgeschildert wird.

 

Ob hier eine Art inneres Erleben Funders (der sich zu jener Zeit der Ereignise um Frank herum in einer Klinik befindet) dargelegt werden soll?

Das wird sich bei einmaliger Lektüre des Romans kaum erschließen. Das verbindende Thema der scheinbar schwachen und duldsamen Mutter, des (hier mit brutalem Grund) nicht anwesenden Vaters und der Verbindung Funders selbst zum ebenfalls harten und brutalen Ende dieser Geschichte bieten eine Fülle von Interpretationsmöglichkeiten.

 

Sprachlich taucht der Leser in eine ganz eigene, ihn umfassende Welt mit ein, was den roten Faden und die Symbolebene angeht, wird man auf diesem Buch, auch an den längen und den Brüchen, durchaus zu kauen haben. Was sich nicht durchgehend, aber doch überwiegend lohnt.

 

M.Lehmann-Pape 2013