S.Fischer 2014
S.Fischer 2014

Lara Schützsack – Und auch so bitter kalt

 

Zu erlebender Roman

 

„Schreie ich? Stehe ich oder falle ich? Ich weiß es nicht ….. dann wird es dunkel, ich öffne die Augen….“

 

….. und der Leser sieht: Eine eingeschwärzte Doppelseite. Miterleben, was Dunkel sein kann. Vorbereitet durch die intensiven Ereignisse bis dato im Roman.

 

Im Übrigen bei weitem nicht das einzige Miterleben, welches Lara Schützsack in emotional dichter Weise allein schon in der Form dieses Romans um eine leidenschaftliche, sich aufsaugende, symbiotische, dramatische Liebe und über das „Haben Wollen“, „Besitzen Wollen“, die „Herrschaft erringen wollen“, in den Raum der Seiten setzt.

 

„Die Zeit steht still“.

„Still“.

„Still“.

 

Kein Zitat von irgendeiner Seite des Romans, sondern Zitate von jeweils nur einer einzigen Seite. Im Anblick des Furchtbaren verstummen die Worte, tauchen nur mehr leichte Gedankenfetzen auf und so ist es völlig dem Inhalt entsprechend, dass auf manchen der Seiten im Buch nur ein Wort, vielleicht ein einziger kleiner Satz zu finden ist.

 

Natürlich nicht durchgehend, dann würde diese Stilmittel seine, in diesem Buch unbestreitbare, Kraft verlieren.

 

Schützsack erzählt eine Geschichte. Ein Geschehen, dass einen emotionalen Sog zum Thema hat und den Leser selbst durch Wortwahl und Ablauf mehr und mehr mit in diesen „Sog“, in diese Innenwelt Lucindas, der Schwester Malinas (aus deren Perspektive Schützsack erzählt), hineinnimmt.

 

Denn Lucinda liebt. Einerseits. Andererseits ist da etwas in ihr. Etwas Fernes. Und auch Dunkles. Unnennbar, nur umschreibbar.

 

„Meine Schwester hat dunkle Tage“.

 

„„Manchmal“, sagt Lucinda, „manchmal starrt es dich nur an. Aber manchmal …..  berührt es dich damit, und das fühlt sich an, als würde man dir mit Isas Lockenstab ein Loch in den Bauch brennen……. Das Tier…. Es ist immer da““.

 

Und irgendwann, dass spürt der Leser im Lauf des ersten Drittels des Buches, wird dieses Tier sich Bahn brechen und losgelassen werden. Diese Herrschsucht. Dieses Besitzen Wollen mit Haut und Haar. Diese Macht über den anderen zu spüren, auszukosten und die Grenzen dieser „Macht der Liebe“ über den anderen auszuloten. Und dabei durchaus in Gefahr zu laufen, sie zu überschreiten.

 

Dies ist zwar das Hauptthema des Buches, bei Weitem aber nicht nur auf die konkrete Liebe bezogen und auch nicht das einzige Thema des Buches. Denn Lucinda wäre nicht Lucinda, wenn dieses „Tier“ nicht überall sein Recht sucht, die eigene Macht erproben würde, auf Kosten anderer.

 

Und ebenso steht der Leser gebannt vor der Ohnmacht auf der andren Seite, der Ohnmacht Malinas, die ebenfalls aus Liebe entspringt, aber auch, wie im Leben so manches Mal, einfach beschreibt, wie das ist, wenn einem nur eine Zuschauerrolle zugewiesen wird.

 

 

Ein beeindruckender, emotional tiefer und dichter Roman, der den Leser nicht so schnell wieder loslassen wird.

 

M.Lehmann-Pape