Galiani 2014
Galiani 2014

Larissa Boehning – Nichts davon stimmt, aber alles ist wahr

 

Identität

 

Es sind drei bereits in sich merkwürdige Personen ( von denen die Älteste aus ihrer Biographie heraus noch den meisten Anlass zu ihrer „Merkwürdigkeit“ hat), die in diesem Buch aufeinandertreffen und in fast noch merkwürdigere Verhältnisse zueinander eintreten.

 

Da ist die Ich-Erzählerin, Juliane. Die eine Katze bei sich behält, die ihr nicht gehört, die auf den ersten Blick dem vermeintlichen Besitzer, als er an ihrer Tür klingelt, verfällt. Die erst später feststellen wird, dass auch dieser Mann die nur benutzt – um sie kennenzulernen.

 

Und die ein „weder mit noch ohne ihn“ dann erlebt. Einer, der öfter einfach verschwindet, der sich alle naselang nur meldet, dann aber eruptiv, der ihr eine Geschichte von sich erzählt, die nicht stimmt, bei näherem Hinsehen.

 

Und da ist die „alte Dame“, todkrank, Annemarie, Jene, von der Boehning in längeren Rückblicken (teils einfach zu ausführlich) biographisch zu erzählen weiß. Die in „ihm“ (demselben Mann, der auch Jule becircte) zunächst nur einen gewissen Halt sich zu versprechen scheint… dann aber aufblitzen lässt, dass da noch mehr und anderes an Sehnsucht in ihr schwingt.

 

Und das ist „er“. Matthias. Mit der umfassenden Gabe, sich empathisch einzufühlen, intuitiv zu ahnen, was sein Gegenüber als anregend, angenehme empfinden würde, was sein Gegenüber ihm wohlgeneigt werden lässt.

 

Einer, der nicht galant Lügengeschichten erzählt, sondern der sich, und insofern ist dann wirklich „alles wahr“, tief in diese Rollen hineinbegibt. Vom Führerschein (den er nicht besitzt) zur Verführung der attraktiven Jule (es ist nicht seine Katze) hin zum (erfundenen“ Tod seiner Mutter, um in Annemarie eine „Sugarmamy“ zu finden.

 

Der sich selbst intensiv fast bis zur Realität mit seinen Rollen identifiziert und daher dann ebenso jedes seiner zig-Profile auf der Partnersuchseite im Internet spielend ausfüllt.

 

Alles in allem, irgendwoher muss er ja nun auch sein Geld bekommen, wo ihn seine neue Chefin wohl im Wesen durchschaut und deswegen freigesetzt hat.

 

Jule wird Matthias nicht so leicht aufgeben und folgt Matthias in dessen Welt mit Annemarie hinein. Matthias wird für die Millionen von Annemarie ziemlich feste auf die Zähne beißen, ahnt aber nicht, dass Jule die Schleier langsam lüftet. Und Annemarie? Weiß sie es? Ist ihr das egal? Vor allem möchte sie, dass ihre Geschichte nicht verloren geht, aufgeschrieben wird. Und Jule soll dies für sie erledigen.

 

„Das Leben ist schrecklich, es so voll Realität“.

Spannend nachzuvollziehen ist es in diesem Roman, wie die Realität sich einerseits untrüglich ihren Weg in diese Leben hinein bahnen und suchen wird, wie noch die geschickteste Ausflucht und Rolle nicht davor bewahren, im Innersten immer wieder Spiegel seiner selbst zu entdecken. Und wie andererseits immer wieder alles entgleitet, jeder jeden und jede jede im Buch für ihre Zwecke einnehmen will. Wie nicht nur im „schönen Schein“, sondern vor auch auf der emotionalen Ebene Welten erfunden werden (und vergehen).


Was aber ist genau die Realität? Was ist die Identität, der Kern der Personen? Das verwischt immer wieder, entgleitet dem Leser und kommt doch von anderer Seite wieder als Ahnung in den Raum.

 

„Du flutscht einem immer so durch die Finger  wenn ich gerade das Gefühl hatte, ich hab dich zu fassen gekriegt, bist du wieder weg“. So hält es der alte Freund Jule vor, so könnte Jule es Matthias vorhalten und letztlich jeder jedem im Buch.

 

In klarer, sehr bildkräftigen Sprache macht sich Larissa Boehning auf die Suche nach der Identität in der modernen Welt, in der jede Rolle möglich scheint und fast überzeugender daherkommt, als das „echte Leben“.

 

 

Mit einigen Längen gerade in den Rückblicken der „alten Dame“, aber mit wunderbaren, sehr interessanten, psychologisch intensiv dargestellten Figuren und der begleitenden Frage, wie das alles so ausgehen mag. Was der Leser dann selber nachlesen sollte. In dieser Welt einerseits der Oberfläche und der „Selbstvermarktung“ und andererseits der intensiven Suche nach einem Ort für sich, nach Liebe und Glück.

 

M.Lehmann-Pape 2014