Knaus 2012
Knaus 2012

Lawrence Norfolk – Das Festmahl des John Saturnall

 

Wunderbare und lebensechte Atmosphäre

 

Immer wieder gelingt es Lawrence Norfolk mit Hilfe seiner hohen, sprachlichen Qualität und bildreichen Schilderungen, in seinen Büchern eine intensive, hineinziehende und sehr realistische Atmosphäre zu schaffen. Nicht anders ist es in seinem neuen Roman, dem die fundierte Recherche des Autors an jeder Seite abzuspüren ist.

 

Angesiedelt zur Zeit des Charles I. in England, am Rande die Kämpfe um den Thron streifend, bietet Norfolk, beileibe  keinen einfachen „historischen Roman“. Vielmehr nutzt Norfolk die (natürlich bestens und historisch zeitgemäße gestaltete) Welt des späten Mittelalters mit ihren „kleinen“ Feudalherren, einfachen Lebensweisen, Überfluss, religiösen Fanatikern, Dragonern und Musketieren als treffende Rahmung für seine Geschichte des John Saturnall.  Der an der Seite seiner Mutter ohne Vater im kleinen Dorf Buckland aufwächst. Und es dort schwer hat.

 

Hexenglaube ist verbreitet, Johns Mutter schwebt immer in Gefahr als „Heilkundige“ und Hebamme, der Hexerei bezichtigt zu werden. Und kaum hat John es geschafft, von den anderen Kindern im Dorf nicht mehr verfolgt und gedemütigt zu werden, da rafft eine Krankheit vor allem die Kinder des Dorfes dahin. Für den fanatischen Prediger und Sektierer Marpot ist klar, wer Schuld ist. John und seine Mutter fliehen in den verrufenen Wald, sehen mit an, wie ihre Hütte niedergebrannt wird und werden die Härte des Lebens erleben müssen. Johns Mutter stirbt. Vorher allerdings macht sie ihn vertraut mit dem „Festmahl des Gartens, des Saturnus“. Aus einer Zeit, als die Menschen miteinander lebten, das Fest jährlich feierten und mit einer festgelegten Abfolge der Speisen in Gemeinschaft tafelten. Bis die Priester des neuen Gottes die Eintracht als „Sinneslust“ geißelten, das Behagen als „Faulheit“ und das Fest als „Gier“ und alles aus ihrer Eifersucht heraus verboten, zerstörten und zerstreuten.

 

Lange sind diese Zeiten her. Intrigen, Kampf und Missgunst bestimmen die Welt, auch im kleinen Tal und das Dorf Buckland herum. Der verwaiste John wird von Priester des Dorfes zum Herrenhaus der Fremantles gesandt. Dort war Johns Mutter früher in Dienst.

 

Ob dort Johns leiblicher Vater zu finden wäre? Ob dort das Geheimnis des „Festmahles“ zu ergründen ist, das Johns Mutter in ihren letzten Lebenswochen dem begabten Kind Zeile für Zeile innerlich einbrannte? John gelingt es durch Glück und Zufall, in der Küche  des Herrenhauses als Küchenjunge arbeiten und leben zu dürfen. Trifft schon früh auf die Tochter des Hauses, Lukrezia, wird vom Meisterkoch Scovell verdeckt protegiert, für den König kochen und Vorkosten, wird Höhen und Tiefen der Küchenkunst, der Liebe, der unruhigen Zeiten, der fanatischen Seite der Religion am eigenen Leib und dem seiner Freunde erleben. Bis sich der Kreis beginnen wird, zu schließen. Denn „ein jeder Koch trägt sein eigenes Festmahl in sich“ und dieses Festmahl ist nicht nur in seinen Bestandteilen und seiner Zubereitung zu erlernen, sondern ebenso wichtig ist, in welcher Runde man dieses Festmahl dann zu sich nehmen wird. Wie John auf die harte Weise lernen wird.

 

Mit seiner hohen, sprachliche Qualität, wunderbar übersetzt von Melanie Walz, gelingt es Norfolk spielerisch, den Leser mitten hinein zu ziehen in die kleine, überschaubare Welt in der englischen Provinz. Der größte Teil des Romanes spielt sich in und um das Herrenhaus ab und auch hier gelingt es Norfolk nachhaltig, all den beteiligten Personen, vom kleinen Küchenjungen bis zur Gärtner, von der „lebenden Vogelscheuche“ bis zum Hausvorstand Sir William, von Lukrezia bis eben zu John Saturnall, aber auch auf der Gegenseite einem Timothy Marpot differenziertes und nachhaltiges Leben einzuhauchen.

 

Verbunden mit der detailreichen und bildkräftigen Schilderung der Orte und Landschaften, des genau dargestellten, wuseligen Lebens in der Küche des Hauses und mancher kleiner Scharmützel und Schlachten entwickelt Norfolk sein eigentliches, hintergründiges Thema Seite für Seite.

Die wiederherzustellende Harmonie zwischen den Menschen, das Ablassen von religiösem Fanatismus und tödlichem Eifer, alles mündend in die Liebe, die hier tatsächlich „durch den Magen geht“, allerdings eher im poetischen denn im wörtlichen Sinne. Denn hinter den kunstvollen Rezepten, den poetischen Schilderungen der Speisen und der Zubereitungskunst schwingt immer mit, dass dies alles nur gelingt, wenn man liebt, was man tut und, vor allem, für wen man es tut.

 

Ein wunderbarer Roman.

 

M.Lehmann-Pape 2013