C.Bertelsmann 2012
C.Bertelsmann 2012

Lea Singer – Verdis letzte Versuchung

 

Ein faszinierender Roman in Form und Inhalt

 

Entscheidend für diesen gelungenen Roman von Lea Singer ist nicht, dass sie ihre Geschichte aus drei Perspektiven erzählt, dieses stilistische Mittel des Perspektivwechsels ist weit verbreitet. Entscheidend für die Faszination dieses Buches allerdings ist, dass Singer eben letztlich ihre Geschichte  nicht sachlich im Vordergrund erzählt, sondern jeweils aus der „Innensicht“ der drei Protagonisten. Wie ein Selbstgespräche unter Offenlegung vielfacher Reflektionen und Emotionen melden sich Guiseppe Verdi, seine Frau Guiseppina und „die Dritte im (bald) Bunde), Teresa Stolz jeweils zu Wort. In ihrer je eigenen Sprache, mit den je eigenen Wichtigkeiten und inneren Erregungen. Eine Abfolge von Lebensbetrachtungen, chronologisch von 1868 an im Buch geordnet, die dem Leser einen tiefen Einblick in die Entwicklung der Beziehungen der drei Personen in sich und zueinander geben, die aber auch einen ebenso tiefen Einblick in das Wesen, die Persönlichkeit aller Drei in sich tragen.

 

Guiseppina voller Sorge, dass sie zu alt, ihr Stern zu sehr gesunken, ihre Lebensweise zu einfach und gesamt auf ihren Mann konzentriert ist. Alle Kinder der beiden aus anderen Ehen sind gestorben, könnte diese Sopranistin in die Bresche springen? Will Verdi sie verlassen für eine jüngere, strahlende Künstlerin? Auch wenn diese mit dem „Haus- und Hofdirigenten“ Verdis, dem ständig Verdi umschmeichelnden Mariani, verlobt ist.

 

Guiaseppe aber hat (zunächst) ganz andere Gedanken. Oder schleicht sich doch schon ein Interesse ein. Guiseppe ist satt. Findet Komponieren nicht ihm entsprechend („Wenn ich nur den Kopf und den Körper eines Möbelpackers hätte, würde ich morgen Möbelpacker werden“). Ist ein derber Mensch und mag das an sich. SO ist er eben. Direkt, klar, undiplomatisch. Voll Ärger über das Publikum, alles Banausen. Schnell erregbar, wenn er nicht bekommt, was er will und wie er es will. Misstrauen ist seine beherrschende Charakterhaltung. Das lässt er selbst an Mariani aus, als dieser ihm vermeintlich bei einem geplanten Requiem für Rossetti dazwischen zu funken scheint.

 

Teresa ist mit sich beschäftigt. Hat Heimweh. Hängt doch an ihrer Karriere. Beginnt Seite für Seite mehr an Mitleid mit ihrem Verlobten zu spüren und merkt erst später, dass damit auch ihr Respekt vor dem Mann verloren geht. In gleichem Maße, wie sie sich für Verdi aufschließt, einfach so, im Lauf der Dinge.

 

Irgendwann wird Teresa sich trennen, ihre Verlobung auflösen. Irgendwann wird Guiseppina „klein“ beigeben (oder doch selber eine intensive Beziehung zu Teresa entfalten?). und Verdi selbst wird tun, was er immer tut. Das, was er will. Apodiktisch. Ganz und gar. Wer mit ihm Umgang will, wer mit ihm arbeiten will, wer mit ihm verheiratet bleiben will, der sollte sich danach richten, sonst kann das ganz schnell ganz vorbei sein. Wie mit seinem Vater. Wie mit seinem Schwiegervater. Wie mit vielen anderen.

 

Sprachlich liegt das Buch wie ein breiter, ständig Wellen schlagender Fluss vor den Augen des Leser der in der Vielfalt der Eindrücke und Mitteilungen aus dem Inneren der drei Hauptpersonen heraus. Der zudem die Charaktere intensiv kennenlernt, die Entwicklungen allüberall wie rote Fäden vor sich bereits sieht und, ganz nebenbei, noch einen profunden Einblicke in die italienische Persönlichkeit, das Verhältnis vieler Künstler untereinander und den allgemeinen Umgang erhält. Eine Sprache und eine Entwicklung im buch, die ständig fesselt, ohne Längen sich entfaltet und eine wunderbare Lektüre ergibt.

 

M.Lehmann-Pape 2012