Goldmann 2014
Goldmann 2014

Leona Francombe – Madame Ernestine und die Entdeckung der Liebe

 

Souverän und bildkräftig erzähltes Debüt

 

Bis sich herausstellen wird, was es denn mit der Liebe für Madame Ernestine auf sich hat und wie sich diese „dunklen Affären“ ihres (nach dem Anfang des Buches bald ehemaligen) Arbeitgebers Harry Bishop eigentlich darstellen, wird einige Zeit des ruhigen Erzählflusses und der bildkräftigen Schilderungen von Personen und Orten vergehen.

 

Zeit, die man sich gerne nimmt, denn flüssig und elegant versteht es Leona Francombe, ausgebildete und erfolgreiche klassische Musikerin, die Ereignisse ruhig und anregend vor Augen zu führen.

 

Allein schon, wie sie die verschiedenen Seiten ihrer Hauptperson Ernestine zur Geltung bringt. Diesen ganz eigenen Kopf und Sinn, dieses weite Herz für die klassische Musik, die, einerseits, „Unsichtbarkeit“ dieses dienstbaren Geistes und der andererseits ungebrochene und stetige Blick, dieses ein wenig Unbeholfen wirken im „wahren Leben“ und die Eleganz ihrer Tätigkeit als „Putz-Derwisch“, sowie der Raum, den sie plötzlich auch auf der Straße einnimmt, wenn sie in Wallung gerät, all das führt den Leser vielfach hinein in die Person dieser älteren Frau, der das Leben interessante Wendungen gerade mit auf den Weg gibt.

 

Eine Frau mit Herz im Übrigen, nicht nur für die Musik. Auch für ihren verstorbenen Vater (dessen Sterbeszene Francombe anrührend im Buch gestaltet), auch für ihren gar nicht so unbedingt sympathischen Arbeitgeber, den der Tod ereilt, bevor sein Gewissen ihn aufrecht für seine Fehler im Leben eintreten lässt. Selbst für die beiden ihr verbundenen Orte, Brüssel mit seiner massiven Patina und Den Haan mit seinen Villen versteht es die burschikose und lebensneugierige Ernestine, den Leser ein stückweit mit gefangen zu nehmen.

 

Auch wenn das Tempo des Buches doch teils arg ruhig verläuft und es lange dauert, bis ein wenig Bewegung in die mysteriösen Geschäfte Harry Bishops und seines „Freund-Feindes“ Marschall gelangt und ebenso lange dauert, bis das ominöse Erbe Ernestines, die „andere Hälfte der Villa in Den Haan“, die sich Harry mit Marschall geteilt hatte, auch wenn Francombe hier und da doch zu betulich erzählt, insgesamt bietet dieser Roman eine klassisch angehauchte Atmosphäre der sprachlichen Eleganz und der in sich stimmigen Geschichte, die durchaus gefangen nimmt.

 

Warum ist Nelly, die beste Freundin Ernestines, ziemlich chaotisch und „laut“ veranlagt, plötzlich so reserviert? Wie schafft es Ernestine, deren Leben auch im Rückblick im Buch erzählt wird und die so unsicher und ein wenig wie ein Trampel auf offiziellem Parkett daher kommt, angesichts der „höheren Gesellschaft“ standhaft ihren Weg zu gehen?

 

Gepaart mit ein wenig Einblick in die Kunst des Cello Spieles, eines sehr zurückhaltenden, stillen „Verehrers“ und ein wenig Kriminalroman erzeugt Francombe eine wunderbare Atmosphäre, welche die sich ein wenig ziehenden Teile des Buches in den Hintergrund treten lassen.

 

 

Alles in allem eine sprachlich sehr schön erzählter Roman mit viel belgischer Atmosphäre, einer äußerst sympathischen, aber auch lebenssperrigen Hauptperson und einigen verdeckten Linien in der Liebe und im Geschäftsleben, die genügend anregende Spannung für den Leser im Hintergrund aufbauen, um trotz einiger Längen bis zum Schluss gerne zu verweilen.

 

M.Lehmann-Pape 2014