Aufbau Verlag 2017
Aufbau Verlag 2017

Leonard Gardner – Fat City

 

Mitten hinein in das Herz der Boxer (und des Lebens „von unten“)

 

Nur einen Roman, eine Novelle, hat Leonard Gardner geschrieben (und das vorliegende Buch stammt bereits aus dem Jahre 1969), Der aber hat es in sich und trifft in präziser und mitreißender Sprache den Nerv der Zeit und die Zeitlosigkeit des Suchens nach Glück, Liebe und, natürlich, auch Erfolg.

 

„Mehr gibt´s da nicht zu erzählen. Der Junge ist halt ein Naturtalent, ´ne echte Ausnahmeerescheinung“.

 

Es mag aber auch sein, das Billy Tully sich da auch ein wenig irren will, denn er selbst, gerade 29 Jahre alt und schon „abgehalftert“ als Boxer (was er noch nicht so ganz glauben kann) hat ja nur ein kurzes Sparring mit dem 18jährigen jungen Mann gerade hinter sich.

 

Und dass dies niederschmetternd war, mag auch daran liegen, dass Tully in einem verrotteten Hotelzimmer, wechselnd mi schummrigen Bars, eher dahinvegetiert als aktiv noch auf Dinge des Lebens zuzugehen.

 

Verkatert, oft. Melancholisch, ständig. Die gescheiterte Beziehung zu seiner Frau, die sich scheint´s ohne Weiteres umgehend neu umgesehen hat, nagt und nagt.

 

Wie auch das „Verheizen“ durch seinen ehemaligen Manager, dass ihn ein um das andere Mal auf die Bretter des Rings geworfen hat.

 

Was im Übrigen nur mehr eine Metapher für sein ganzes Leben ist und mehr und mehr in Richtung Tagelöhner abrutscht. Wobei die Welt in den dunklen Bars nach einigen „Kurzen“ wider ein wenig heller zu werden scheint.

 

Doch mehr als, im wahrsten Sinne des Wortes, „Zerschlagen zu werden“ sieht auch der Leser auf Dauer kaum im Raum. Hoffnungen, mit Leidenschaft (soweit diese noch brennt) auf ein Ziel losgehen, einen Plan haben, hier und da mit Erfolg bestehen und doch, immer wieder, letztlich sich hinten wieder anstellen und den Dreck der Stadt auf Augenhöhe betrachten zu müssen.

 

Wie das Boxen, so das normale Leben, könnte man im Blick auf die beiden Protagonisten und viele andere Leute sagen, die das Buch mitbevölkern.

 

Wie der alte Mann, der sich schon müht, nur um nachher mit ein paar Münzen abgespeist zu werden.

 

„Was ist denn los mit Dir, Pop? Wenn Du morgen nicht flotter bst, müssen wir mal ein ernstes Wörtchen reden……..mehr gibt’s nicht!“.

 

Und wenn dann schon in einer der ersten Szenen im „Gym“ Billy Tully hinter der Tür seines Spinds verborgen erst mal einen herzhaften Schluck nimmt, dann ist auch umgehend klar, was denn der Tröster in dieser dunklen Zeit an diesem heißen, öden, dreckigen Ort ist (zumindest in dem Teil, der Stadt, in dem Billy sich in der Regel aufhält).

 

Denn mit den Frauen, da mag Sehnsucht noch vorhanden sein, aber so recht gelingen will da erst mal nichts.

 

Und doch, der Traum lebt, der vielleicht uramerikanischste aller Träume, das „Leben in Fat City“ zu erreichen. Was kein geographischer Ort ist, sondern die Wunschvorstellung, es „geschafft zu haben“. Und wenn man Talent hat, wäre das nicht der Boxring der kürzeste Weg an die Füllhörner des Paradieses?

 

Eher nicht. Aber das sollte jeder Leser selber entdecken in dieser überragenden Milieustudie eines „Amerikas von unten“ betrachtet. Das für den Großteil auch heute noch viel näher liegt, als die glitzernden Fassaden derer, die es geschafft habe. Vermeintlich.

 

Ein einfach immer noch hervorragender und, überraschenderweise, auch für die Gegenwart zeitgemäßer Roman über die Hoffnung von Menschen und das, was an Kehrseits nicht wenige an Müll, Dreck und Absturz erwarten wird.

 

 

M.Lehmann-Pape 2017