Unionsverlag 2011
Unionsverlag 2011

Leonardo Padura – Der Mann, der Hunde liebte

 

Epische Lebensrückblicke

 

Zeitgeschichte ist es, die Leonardo Padura in seinem, schon aufgrund des Umfangs von gut 720 Seiten, episch zu nennenden Roman niederlegt. Ein Roman revolutionäre Zeitgeschichte, genauer gesagt.

 

Spanien während des Bürgerkrieges, Moskau während der Schreckensherrschaft Stalins, denen viele auch prominente Kommunisten Russlands zum Opfer fielen, Tschechien 1968, Kuba unter Castro und Mexiko. Äußere Orte zu bewegten Zeiten und eine dem korrespondierende Innenschau der Beteiligten, dass ist die Geschichte, besser die Geschichten, die Padura in Romanform vorlegt. Geschichten von Menschen, Zeiten und Orten, aus denen letztendlich an konkreten Personen absehbar wird, wer und was Revolutionen und Umstürze getragen hat, welche Haltung hinter dem vermeintlichen Versuch nach einem Mehr an Freiheit zu finden ist, Geschichten aber auch, die aufzeigen, wie teils schmählich und in sich verrannt revolutionäre Ideologien des 20. Jahrhunderts an sich und an der Welt scheiterten.

 

Eine der Hauptpersonen des Romanes ist Ramón Mercader, jener Mann, der 1940 Leo Trotzki mit einem Eispickel tötete. Mercaders Geschichte, seine Verwobenheit in die stalinistische Ära und sein Einstehen für dieses System gegenüber seinen Feinden ist es, die Padura erzählt, allerdings mehr und mehr im Verlauf des Romans dient dieses Lebensgeschichte nur als Ausgangspunkt der vielfältigen Ereignisse und wird eng verwoben mit der Geschichte der Exiljahre Trotzkis. So ergibt sich nach der Lektüre ein umfassendes Bild der Geschichte Mercaders, gerade auch der Geschichte nach dem Attentat, der Geschichte des (durchweg sympathisch erscheinenden) Revolutionärs und Intellektuellen Trotzki mitsamt einer, aus der Gegenart Kubas und der Vergangenheit anderer kommunistischer System, Schilderung der Zerschellung eines Ideals an der Realität und der Beschaffenheit der Menschen.

 

Sprachlich bietet Padura einen fortwährenden Fluss der Wörter auf, die beständig aus vielfältigen Perspektiven das je Gemeinte auszudrücken vermögen und den Finger immer wieder auf die Wunden kranker Systeme und deren Hintermänner zu legen verstehen. Von der Verbannung Trotzkis ausgehend bis in die Gegenwart des fiktiven Ich-Erzählers (des kubanischen Schriftstellers Iván) reichen die Lebensgeschichten und Beschreibungen der Zustände und auch des inneren Verfalls einiger der Protagonisten, der mit dem äußeren Verfall der Ideologien einher geht. Auch wenn Mercader hoch belohnt wird (seinen zugeteilten Wagen aber seinem Bruder weitergibt, weil der in der Rangliste trotz mannigfaltiger Verdienste noch nicht weit genug aufgestiegen war, um ebenfalls in den Genuss der Segnung durch einen eigenen Wagen zu gelangen), sind es auch solche Ereignisse, die ihn mehr und mehr am Sinn all dessen, woran er lange geglaubt und wofür er getötet hat, zweifeln lassen. Und nicht nur er stellt sich am Ende des Tages als innerlich verändert und anders heraus, als zu Zeiten des glühenden Glaubens an revolutionäre Ideale.

 

Sprachlich fulminant, intensiv recherchiert, mit logischen Konstruktionen ausgestaltet, wo Fakten nicht vorlagen,  bietet Leonardo Padura in epischer Breite die Geschichte einer radikalen Desillusionierung, eines Scheiterns an wohlklingenden Idealen und einen Blick auf eine innere Aushöhlung, die dennoch mit allen Mitteln auch am letzten Rest vermeintlicher Macht noch festhält. Gelungen und beeindruckend, informativ und ernüchternd.

 

M.Lehmann-Pape 2011